1.-Person-Methode

Status mit Fachliteratur angelegt
AutorIn/RedakteurIn N. N./N. N.
Letzte Änderung 24.09.2018


1 „1.-Person-Methode“ im „Kinaesthetics Konzeptsystem“

Das folgende Zitat stammt aus der Einleitung des „Kinaesthetics Konzeptsystems“. Im vorausgehenden Kontext werden als erste Grundlage von Kinaesthetics die wissenschaftlichen Forschungen der Kybernetik, der Verhaltenskybernetik und des von Varela und Maturana geprägten Zweigs der Neurobiologie erwähnt.

„Die zweite Grundlage von Kinaesthetics ist die direkte Wahrnehmung und Erfahrung der eigenen Bewegung. Dementsprechend beschreibt das vorliegende ‚Konzeptsystem‘ verschiedene Blickwinkel, durch die unterschiedliche Bewegungsaspekte von menschlichen Aktivitäten im eigenen Körper systematisch erfahren, beobachtet und analysiert werden können.
Man kann diese Art von Wissenserwerb mit F. J. Varela eine ‚Erste-Person-Methode‘ (‚First Person Method‘) oder eine ‚Innensicht, Innenperspektive‘ (‚View from Within‘) nennen. Die Begriffe bezeichnen den Zugang zu Wissen durch die Erfahrung an der eigenen Person (ich) gegenüber einem rein intellektuellen, ‚objektiven‘ Wissenserwerb.
Kinaesthetics legt großen Wert auf das Forschen und Lernen durch Bewegungserfahrungen. Da das daraus entstehende Verständnis und Wissen auf der Innensicht und der Eigenerfahrung beruht, ist es direkt mit der eigenen Bewegungs und Handlungskompetenz verknüpft. Die Wirkung zeigt sich im Tun.“

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2018): Kinaesthetics. Konzeptsystem. Linz, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association. ISBN 978-3-903180-00-0. S. 7–8.

2 „1.-Person-Methode“ in „Kinaesthetics Lernen und Bewegungskompetenz“

Das folgende Zitat stammt aus dem Buch „Kinaesthetics Lernen und Bewegungskompetenz“, das als Arbeitsunterlage in Kinaesthetics-Aufbaukursen verwendet wird. Das Zitat ist in das erste Kapitel „Lernen in Kinaesthetics-Kursen“ eingebettet. Im vorausgehenden einleitenden Unterkapitel „Was und wie lernen Sie in Kinaesthetics-Kursen?“ wird das methodisch-didaktische Vorgehen zur Sensibilisierung der Bewegungswahrnehmung und seine Ziele beschrieben. Das Zitat ist das zweite Unterkapitel „Vom Tun und der Innenperspektive zur Theoriebildung“.

Kinaesthetics verfolgte von Anfang an eine Methode des Lehrens und Lernens, die sich grundsätzlich von traditionellen und althergebrachten Formen von Schulungen unterscheidet. Die Grundlage des Lernens in Kinaesthetics bildet stets das praktische Tun, d. h. Ihre persönliche und subjektive Bewegungswahrnehmung in Bewegungserfahrungen. Das mit diesem Grundsatz verbundene Lernverständnis und die spezifischen Lern- und Schulungsmethoden sind untrennbar mit Kinaesthetics verbunden. Daher handelt es sich um eine ‚Erfahrungswissenschaft‘ im wahrsten Sinne des Wortes: Kinaesthetics schafft Wissen durch Erfahrung.
Die Bewegungskompetenz und das Wissen, das man in Kinaesthetics-Kursen zu entwickeln lernt, beruhen somit nicht auf der Auseinandersetzung mit einer von außen vorgegebenen Theorie und der praktischen Umsetzung von Regeln, sondern auf der Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen persönlichen Annahmen. In diesem Sinne ist Kinaesthetics eine 1.-Person-Methode, die vom einzelnen ‚Ich‘ ausgeht. Aus diesem Grund stellt das Begleitbuch ‚Kinaesthetics Konzeptsystem‘, das Sie auch in Ihrem Grundkurs erhalten haben, keine Theorie der richtigen Bewegung dar. Es ist eine systematische Beschreibung der subjektiv unter verschiedenen Blickwinkeln erfahrbaren Unterschiede der menschlichen Bewegung.
Demnach steht im Zentrum, wie Sie aus Ihrer individuellen Ich- oder Innenperspektive diese Unterschiede wahrnehmen und Ihr Verhalten daran anpassen können. Darauf aufbauend entwickeln Sie durch die Reflexion der Erfahrungen und in der Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen von Kinaesthetics Ihr persönliches Verständnis der menschlichen Bewegung. Dadurch, dass Kinaesthetics didaktisch und methodisch grundsätzlich vom individuellen Tun der einzelnen TeilnehmerIn ausgeht, hat es eine unmittelbare Auswirkung auf Ihr konkretes Verhalten und einen direkten Praxisbezug.“

Text der zugehörigen Infobox:

Kinaesthetics als 1.-Person-Methode
Die Begriffe ‚First-Person-Method‘ (Erste-Person-Methode) und ‚View from Within‘ (Innensicht, Innenperspektive) wurden vom Neurobiologen F. J. Varela (1946–2001) verwendet. Mit ihnen grenzte er die unpersönliche Methode der Wissenschaften – wo es nicht darauf ankommt, wer forscht – von Methoden ab, die wie Kinaesthetics vom einzelnen, verkörperten Individuum und seinen Möglichkeiten der Erfahrung ausgehen. Das Lernen in Kinaesthetics ist in diesem Sinne ein persönlicher, erfahrungsbasierter Forschungsprozess und Kinaesthetics kann im Ganzen als eine 1.-Person-Methode bezeichnet werden.“

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2018): Kinaesthetics. Lernen und Bewegungskompetenz. Linz, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association. ISBN 978-3-903180-01-7. S. 9–10.

3 „1.-Person-Methode“ in „Kybernetik und Kinästhetik“

Das folgende Zitat stammt aus dem Buch „Kybernetik und Kinästhetik“, und zwar aus dem abschließenden sechsten Kapitel „Kinästhetik ist praktische Kybernetik“. Es ist der Text einer Infobox mit Titel „Kinästhetik aus pädagogischer Sicht: Eine 1.-Person-Methode“. Es handelt sich um ein Essay, das die Grundlagen und Hintergründe dieses Kapitels beleuchtet.

Schon der römische Feldherr Gaius Iulius Caesar (100–44 v. Chr.) hatte von seinen Taten in Gallienin der 3. Person Singular berichtet (z. B. ‚Als Caesar das sah, …‘), um seiner Darstellung mehr Objektivität zu verleihen. Das war eine raffinierte Idee, erschien doch schon vielen seinerZeitgenossen sein Vorgehen eher egoistisch, d. h. mit dem Ego (lateinisch ‚Ich‘), der 1. Person, verbunden.
In der Wissenschaftsgeschichte entwickelte sich die Vorstellung, dass die Wissenschaften sich genau dadurch auszeichnen, dass sie aus der Perspektive einer neutralen Drittperson entstehen. Es kommt nicht darauf an, wer etwas erforscht, erklärt und beweist. Jede(r) käme mit der entsprechenden Vorbildung zu denselben Resultaten, die daher durch ‚wissenschaftliche Objektivität‘ und Allgemeingültigkeit ausgezeichnet sind. Parallel dazu entwickelte sich in der Gesellschaft die immer noch weitverbreitete Vorstellung, dass die Wissenschaften objektiv beschreiben können, wie die Welt ist, insbesondere wenn sie sich auf Zahlen, Experimente und Studien stützen – und bestimmt auch, weil sie so wunderbare technologische Umsetzungen und Fortschritte hervorbringen.
Im Rahmen der Kybernetik wies Gregory Bateson (1904–1980) darauf hin, dass die Beschreibungen, Erklärungen und Beweise des gesamten Wissenschaftsbetriebes einen tautologischen (‚das Gleiche sagenden‘) Charakter haben. Seine anspruchsvolle, aber unseres Wissens bis heute nicht widerlegte Argumentation lautet in grober Verkürzung: Dass ein Flugzeug fliegt, beweist, dass ein Flugzeug fliegt, und nicht sehr viel mehr. Die wissenschaftliche Erklärung des Fliegens bildet nur Informationen ab, die bereits in der wissenschaftlichen Beschreibung, wie die Sachlage ‚ist‘, angelegt sind: Sie sagen eigentlich das Gleiche. (Bateson 1987, S. 103ff.)
Auf dieser Grundlage betonten insbesondere Heinz von Foerster, Francisco Varela (1946–2001) und Humberto Maturana immer wieder, dass es einen ‚locus observandi‘, einen Ort des neutralen und unabhängigen Beobachtens, nicht gibt, dass jede Beobachtung untrennbar mit einer BeobachterIn verbunden ist. In einem Beispiel formuliert: Es gibt keine Mathematik als Instrument der Beobachtung, ohne dass ein Heinz von Foerster oder ein Albert Einstein sie betreibt. Sie machen nicht das Gleiche mit der Mathematik, sondern verwenden nur dieselbe wissenschaftliche Sprache. Darum können sie diskutieren, ob sie einander in der Anwendung dieser Sprache folgen können oder nicht.
Vor diesem Hintergrund ist darauf hinzuweisen, dass es ja genau eine von Einsteins Leistungen war, die Relativität bisheriger physikalischer ‚Wahrheiten‘ aufzuzeigen. Der Neurobiologe Francisco Varela verwendete in diesem Zusammenhang die Unterscheidung zwischen 3.-Person-Methoden (ein Beispiel ist der universitäre, ‚objektive‘ Wissenschaftsbetrieb) und 1.-Person-Methoden, die vom einzelnen, im Hier und Jetzt verkörperten Ich ausgehen. Bei seiner persönlichen Auseinandersetzung mit dem tibetischen Buddhismus war ihm aufgefallen, dass er sich einer Tradition gegenübersah, die sich ähnlich wie unsere Wissenschaften mit Forschung, Dokumentation und Lehre beschäftigte, sich aber doch ganz grundsätzlich von diesen unterschied. Dieser Unterschied schien ihm beim Thema Lernen und Lehren besonders deutlich hervorzutreten. Der Ausgangspunkt des Lernens war immer das einzelne Individuum und seine individuelle Erfahrung im doppelten Sinn des Wortes. Im Zentrum stand einerseits der persönliche Lebensweg, die Erfahrung, die man ‚mitbringt‘, und andererseits die individuelle, aktuelle Fähigkeit, ein Thema immer differenzierter wahrnehmen, erfahren und reflektieren zu können. (vgl. Varela et al. 1992)
Bezeichnenderweise findet man Ansätze von 1.-Person-Methoden in der westlichen Welt z. B. beim Erlernen von Sportarten oder Freizeitbeschäftigungen. Meistens muss hier nicht zuerst stundenlang Theorie verarbeitet und gebüffelt werden, bevor man mit dem neuen Wissen überhaupt irgendetwas zu tun wagt. In der Pädagogik findet sich die Idee in konsequenter Umsetzung immer noch unter der Rubrik ‚Alternative Schulformen‘. Allerdings haben in den letzten Jahrzehnten mit ihr verbundene Konzepte wie individualisierender Unterricht oder Lernen durch eigenaktives Tun an Bedeutung gewonnen.
Die Kinästhetik ist eine 1.-Person-Methode im besten Sinne. Sie lehrt einen nicht eine allgemeingültige Theorie der richtigen Bewegung oder Bewegungsinteraktion. Vielmehr verhilft sie einem zu einem System von Blickwinkeln, die im eigenverantwortlichen Tun, in der subjektiven Einzel- oder Partnererfahrung eine immer differenziertere Wahrnehmung, Regulation und Anpassung der eigenen Bewegung aus einer Innen- oder Ich-Perspektive ermöglichen. Aufbauend auf diesen Erfahrungen geht es um die persönliche und gemeinsame Reflexion, um den Vergleich und die Verknüpfung der eigenen Erkenntnisse mit theoretischen und wissenschaftlichen Grundlagen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Schulungen wird in der Kinästhetik konsequent der Weg vom individuellen Tun bzw. von der Ich- und Innenperspektive zur Auseinandersetzung mit Theorien von Drittpersonen beschritten. Oder anders ausgedrückt: Kinästhetik ist eine ‚Erfahrungswissenschaft‘ im wahrsten Sinne des Wortes.“

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2018): Kybernetik und Kinästhetik. Unter Mitarbeit von Stefan Marty-Teuber und Stefan Knobel. Linz, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association, verlag lebensqualität. ISBN: 978-3-903180-22-2 (Verlag European Kinaesthetics Association) ISBN: 978-3-906888-02-6 (verlag lebensqualität). S. 62–63.