Unterschied

Status mit Fachliteratur angelegt
AutorIn/RedakteurIn N. N./N. N.
Letzte Änderung 26.09.2018


1 „Unterschied“ in „Kinaesthetics Lernen und Bewegungskompetenz“

Das folgende Zitat stammt aus dem Buch „Kinaesthetics Lernen und Bewegungskompetenz“, das als Arbeitsunterlage in Kinaesthetics-Aufbaukursen verwendet wird. Das Zitat ist in das fünfte Kapitel „Lernen: Allgemeine Blickpunkte“ eingebettet. Die vorausgehenden Unterkapitel thematisieren die „Bedeutung des Begriffs Lernen im Alltag“, das „Fehlen einer umfassenden wissenschaftlichen Theorie des Lernens“, „Lernen, Erfahrung und Denken“ und die „Grundfunktionen des Lernens“. Das Zitat ist der Text des fünften Unterkapitels „Unterschiede führen zu bedeutsamen Unterscheidungen“.

„Aus dem kybernetischen Blickwinkel von Kinaesthetics spielen Unterschiede beim Wahrnehmen, Erkennen und Lernen eine zentrale Rolle.
Gregory Bateson (1904–1980), ein weiterer Pionier der Kybernetik, präzisierte diese Tatsache mit der Formulierung: ‚Informationen bestehen aus Unterschieden, die einen Unterschied machen‘ (Bateson 1987, S. 123). Das heißt, der Unterschied muss vom einzelnen Lebewesen als solcher wahrgenommen werden (können), um zu einer Information zu werden, die es in einem Lernprozess verwenden kann.
Was bedeutet diese Definition einer Information? Es leuchtet ein, dass Delphine mittels Echo-Ortung Unterschiede wahrnehmen, die für uns keine Unterschiede ausmachen können, oder dass Raubvögel mit ihren Augen aus großen Entfernungen Unterschiede wahrnehmen können, die für uns zu klein sind. Ihre Lernprozesse und ihre innere ‚Konstruktion‘ der Welt müssen ganz anders gestaltet sein als unsere.
Das folgende Beispiel soll die Bedeutung der Definition für das Verständnis unserer Wahrnehmung und unserer Lernprozesse beleuchten: Der Dirigent eines Symphonie-Orchesters hört Unterschiede, die wir als Laien nicht hören. Gewiss können wir lernen, solche Unterschiede wahrzunehmen, indem wir unser Gehör sensibilisieren. Bei einem solchen Lernprozess ist aber wiederum von entscheidender Bedeutung, ob wir mit unseren individuellen Voraussetzungen die entsprechenden Unterschiede als solche wahrnehmen können, ob sie für uns einen Unterschied ausmachen. Es wird uns dabei zu Beginn nicht möglich sein, allzu feine Unterschiede, die für den erfahrenen Dirigenten deutlich wahrnehmbar sind, festzustellen, und wir werden nicht auf Anhieb fähig sein, 30 verschiedene Instrumente ‚einzeln‘ zu hören.
Aus kybernetischer Sicht wird dieser Sachverhalt treffender so beschrieben: Wir können nicht auf Anhieb Unterschiede zwischen 30 Instrumenten in uns produzieren. Denn aus dieser Perspektive ist die Wahrnehmung ein aktiver Feedback-Prozess eines Individuums und nicht ein passives, ‚mechanisches‘ Empfangen (z. B. von Schallwellen).
Bei der Steuerung unseres Verhaltens produzieren wir fortlaufend durch unsere eigene Bewegung Unterschiede, nehmen sie wahr und vergleichen konstant die Ist-Werte und die Soll-Werte. Dieser Regelkreis ermöglicht die notwendigen, ständigen Anpassungsleistungen der Selbststeuerung.
Wie das Gehör können wir auch unsere Bewegungswahrnehmung sensibilisieren und lernen, auf immer feinere und vielfältigere Unterschiede in der Steuerung unserer Bewegung zu achten. Als Werkzeug zur Sensibilisierung der Bewegungswahrnehmung dient in Kinaesthetics das Konzeptsystem. Es ist ein differenziertes System von Unterscheidungen, die für jeden Menschen individuell erfahrbar sind. Bei den Bewegungselementen ‚Raum‘ und ‚Zeit‘ geht es z. B. um groß – klein, viel – wenig, schnell – langsam, in der Funktionalen Anatomie um hart – weich, veränderlich – robust usw. Sie dienen als Fokus für das Lernen in Bewegungserfahrungen.
Unterschiede bzw. Unterscheidungen spielen in Kinaesthetics grundsätzlich eine zentrale Rolle. So sind z. B. die Unterschiede zwischen der eigenen Bewegung und derjenigen einer PartnerIn in den Partnererfahrungen eine treibende Kraft des Lernens. In den gemeinsamen Reflexionen sind es die Unterschiede zwischen den einzelnen Beschreibungen der Erfahrungen.
Kinaesthetics-Lernsequenzen sind oft so angelegt, dass am Ende die aktuell erreichte Situation mit der Ausgangslage verglichen werden kann, z. B. durch die Vergleichsaktivitäten A1 – A2 im Lernzyklus. Durch solche Unterschiedserfahrungen wird der Lern- und Kompetenzzuwachs in der Reflexion fassbar, was ein bewusstes und differenziertes Lernen fördert. Mit Ihren Notizen treffen Sie dabei Entscheidungen über Unterschiede und Unterscheidungen, die für Sie persönlich Bedeutung haben.“

Der Text der zugehörigen Infobox „Der gekochte Frosch“:

„Gregory Bateson verwendet die folgende, als quasi-wissenschaftlich bezeichnete Fabel, um deutlich zu machen, dass „wir [uns] fast immer unbewusst sind über die Trends in den Veränderungen unseres Zustandes. ... Wenn man einen Frosch dazu bringen kann, ruhig in einem Topf mit kaltem Wasser sitzen zu bleiben, und wenn man dann die Wassertemperatur sehr langsam und sanft erhöht, so dass es keinen Augenblick gibt, der sich als der Augenblick ‚abhebt‘, in dem der Frosch springen sollte, dann wird er niemals springen. Er wird gekocht werden.“ (Bateson 1987, S. 122) Durch diese Fabel wird verständlich, warum wir langsame Entwicklungen und Lernprozesse von uns selbst sehr viel schwerer feststellen als schnelle und unterscheidbare Veränderungen und Lernerfolge.“

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2018): Kinaesthetics. Lernen und Bewegungskompetenz. Linz, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association. ISBN 978-3-903180-01-7. S. 56–57.

2 „Unterschied“ in „Kybernetik und Kinästhetik“

Das folgende Zitat stammt aus dem Buch „Kybernetik und Kinästhetik“, und zwar aus dem abschließenden sechsten Kapitel „Kinästhetik ist praktische Kybernetik“. Das Zitat ist eingebettet in das zweite Unterkapitel „Selbstregulation und persönliches Lernen“. Vorausgehend wird die die Frage „Wie reguliere ich mich“ thematisiert. Das Zitat ist der Text der nachfolgenden Themen „Der Unterschied“ und „Lernen durch die Erfahrung von Unterschieden“.

Der Unterschied
Wenn Sie die einleitende Bewegungsanleitung ausgeführt haben, konnten Sie feststellen, dass Sie in erster Linie dazu aufgefordert wurden, auf für Sie erfahrbare Unterschiede zu achten. Die Absicht dabei war selbstverständlich, dass Sie dadurch etwas lernen.
Nun lässt sich in jedem größeren Universallexikon nachschlagen, dass aus wissenschaftlicher Perspektive eine umfassende Theorie des Lernens nach wie vor fehlt (vgl. European Kinaesthetics Association 2017b, S. 52f.). Hinter der zentralen Rolle, die Unterschiede in der Kinästhetik spielen, stehen gewichtige Beiträge der Kybernetik zum Thema Lernen, die nur zögerlich eine Umsetzung im pädagogischen Alltag unseres Kulturkreises finden.
Ein Kybernetiker, der sich brennend für das Thema Lernen interessierte, war Gregory Bateson. Auch wenn er selbst nach vielen Jahren sein früheres Modell einer umfassenden Lerntheorie verwarf, enthalten dieses und sein Lebenswerk – auch nach seiner eigenen Meinung – außerordentlich stimmige Argumentationen und Gedanken über das Lernen von Lebewesen. (Bateson 1985, S. 362–399) Er prägte bezüglich der Funktionsweise jeglicher Wahrnehmungssysteme (und als simple Definition einer Information bzw. von 1 bit) die Formulierung: ‚Information consists of differences that make a difference.‘ (Bateson 1979, S. 99; ‚Informationen bestehen aus Unterschieden, die einen Unterschied machen‘, Bateson 1987, S. 123)
So zeigte er, dass es grundsätzlich beim Lernen oder bei Verhaltensänderungen immer um Unterschiede geht, die für das einzelne Individuum oder ein bestimmtes System überhaupt einen Unterschied ausmachen. Natürlich ist die Grundlage dafür der Bau und das Spektrum eines Wahrnehmungssystems, so dass Unterschiede, die sich außerhalb des Spektrums befinden, zu kleine oder zu langsame Unterschiede nicht wahrgenommen werden können. Grundsätzlich gilt aber: Was für jemanden einen erfahr- und wahrnehmbaren, verhaltensrelevanten Unterschied darstellt, kann für jemand anderen – oder mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit für ein Tier oder eine Pflanze – keinen Unterschied ausmachen; dies hängt letztlich ganz und gar vom einzelnen Individuum ab. (vgl. Bateson 1987, S. 118ff.)
Lernen durch die Erfahrung von Unterschieden
Genau vor diesem kybernetischen Hintergrund ist die Kinästhetik aus pädagogischer Sicht in höchstem Maße individualisierend und baut auf eigenverantwortlichem Lernen auf. Die Kinästhetik beginnt immer bei den Unterschieden, die Sie mit Ihren individuellen Voraussetzungen und mit Ihrer persönlichen Bewegungsgeschichte feststellen können. Sie liefert Ihnen keine Theorie, wie Sie sich richtig bewegen sollen, sondern ein außerordentlich differenziertes System von Blickwinkeln, mit denen Sie lernen können, auf Ihre eigene Bewegung zu achten und sie bewusst zu regulieren. (vgl. European Kinaesthetics Association 2017b, S. 56–57 und Infobox S. 61)
Dabei wird davon ausgegangen, dass Sie wohl am meisten über Ihr ‚richtiges‘ Sitzen lernen, wenn Sie versuchen, im konkreten Tun auf Unterschiede und Qualitäten zu achten, die Ihnen persönlich erfahrbar sind, und dabei lernen, sich auf dieser Grundlage an den gegebenen Moment anzupassen.
Darum kann die Kinästhetik mit den Worten des Neurobiologen F. J. Varela als eine 1.-Person-Methode bezeichnet werden (vgl. Infobox S. 62f. und European Kinaesthetics Association 2017b, S. 9f.).“

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2018): Kybernetik und Kinästhetik. Unter Mitarbeit von Stefan Marty-Teuber und Stefan Knobel. Linz, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association, verlag lebensqualität. ISBN: 978-3-903180-22-2 (Verlag European Kinaesthetics Association) ISBN: 978-3-906888-02-6 (verlag lebensqualität). S. 60–61.