Zirkularität

Status mit Fachliteratur angelegt
AutorIn/RedakteurIn N. N./N. N.
Letzte Änderung 29.11.2019


Zusammenfassung:
Dieser Artikel ist mit Fachliteratur angelegt. Er besteht aus einschlägigen Zitaten zum Thema Zirkularität. Er beschreibt zirkuläre, also "kreisförmige" Wirkungszusammenhänge oder Prozesse im Unterschied zu linearen, "geradlinigen" Wirkungen.

1 Infobox zu zirkulären Wirkungszusammenhängen in „Kinaesthetics – Lernen und Bewegungskompetenz“

Das folgende Zitat stammt aus dem Buch „Kinaesthetics – Lernen und Bewegungskompetenz“, das als Arbeitsunterlage in Kinaesthetics-Aufbaukursen verwendet wird. Das Zitat ist in das vierte Kapitel „Theoretische Grundlagen von Kinaesthetics“ eingebettet. Die vorausgehenden Unterkapitel „Leben bedeutet Bewegung“ und „Schwerkraft und Bewegung“ beleuchten die grundlegende Bedeutung der Bewegung und der Schwerkraft für das Leben. Das Zitat ist der Text einer Infobox „Zirkulärer Wirkungszusammenhang“ des dritten Unterkapitels „Zirkuläre Selbstregulationsprozesse als Grundlage des menschlichen Verhaltens“.

Regelkreis-ABC 2.jpg
„In einer Interaktion mit einer PartnerIn beeinflusst das Verhalten einer Person (A) fortlaufend das Verhalten der anderen Person (B). Gleichzeitig wirkt das Verhalten der InteraktionspartnerIn (B) fortlaufend auf das Verhalten der ersten Person (A) zurück. Dabei wird weder das Verhalten der ersten Person durch das Verhalten der zweiten Person bestimmt oder determiniert noch umgekehrt. Bei einer solchen Rückkoppelung – hier von zwei Elementen – macht das klassische Erklärungsmuster keinen Sinn, weil eine Person in einer Interaktion sozusagen ebenso sehr Ursache wie Wirkung ist. Auf dem zirkulären Wirkungszusammenhang zwischen drei Elementen, und zwar Motoren (A), Sensoren (B) und Rechnern (C), beruhen sich selbst steuernde, technische Systeme wie Roboter oder Heizsysteme mit Thermostat.“

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2020): Kinaesthetics. Lernen und Bewegungskompetenz. Linz, Winterthur: Verlag European Kinaesthetics Association. ISBN 978-3-903180-01-7. S. 44.

2 Zirkularität in „Kybernetik und Kinästhetik“

Das folgende Zitat stammt aus dem Buch „Kybernetik und Kinästhetik“. Es ist eingebettet in das dritte Kapitel „Der Kern: Feedback und Zirkularität“. Ihm voraus gehen die Unterkapitel „Selbstregulation durch Feedback“, „Wie funktioniert ein Heizsystem“ und „Ist-Wert, Soll-Wert und Rückkoppelung“. Das Zitat ist ein Ausschnitt aus dem vierten Unterkapitel „Zirkularität und Linearität“ und umfasst das fünfte Unterkapitel „Komplexe Anpassungsleistungen“. In diesem Kontext wird auch die oben abgebildete Grafik ähnlich erläutert.

„Zirkularität und Linearität
[...]
Ein sich selbst regulierendes System wie z. B. ein Heizsystem mit Thermostat muss hingegen zirkulär funktionieren:
* Die beiden Aktivitäten (‚on‘- oder ‚off‘-Betrieb) des Heizkessels A sind die Ursache der Anzeige des Sensors B, d. h. seines Verhaltens.
* Die Anzeige des Sensors B ist die ursächliche Grundlage der Berechnung des Unterschiedes zwischen Ist- und Soll-Wert und der daraus folgenden ‚Befehlsausgabe‘ durch den Rechner C an den Heizkessel A.
* Der Rechner C ist die Ursache dafür, dass der Heizkessel A an- oder abstellt.
* usw.
Durch die vorausgehende Formulierung soll gezeigt werden, warum die Kybernetik dieses Thema als einen ‚circular causal‘, d. h. ‚kreisförmig-ursächlichen‘ Mechanismus beschreibt. Zugleich mag man erahnen, dass kybernetisches Denken eine große Herausforderung darstellt und ein grundsätzliches Umdenken verlangt. Gemäß der Kybernetik beruht menschliches Verhalten auf einer fortlaufenden Fehlerkorrektur im Kreis und kann nicht durch bestimmte Ursachen begründet werden. Es unter dem Blickwinkel von Ursache und Wirkung, von linearen Zusammenhängen zu betrachten, greift zu kurz.
Gregory Bateson war als Anthropologe mit der Breite und der Geschichte des menschlichen Denkens bestens vertraut. Er schreibt, dass es in diesem erwähnten Sinne seines Erachtens kein kybernetisches Denken vor dem Zweiten Weltkrieg gibt. (Bateson 2014, S. 129, S. 132)
Unterschiede spielen in Regelkreisen oder Feedback-Schleifen eine entscheidende Rolle. Die Bedeutung von Unterschieden im Rahmen der menschlichen Feedback-Kontrolle sowie der Lern- und Erkenntnistheorie wird im Kapitel 6.2 dargestellt.
Komplexe Anpassungsleistungen
Norbert Wiener beschrieb schon früh das Aufheben eines Bleistifts als einen Prozess, der nur durch Zirkularität erklärbar ist (vgl. Infobox S. 26). Er bezeichnete das Prinzip der Rückkoppelung als ‚einen wichtigen neuen Gedanken‘ der Neurophysiologie und erklärte frühere lineare Erklärungen als unhaltbar. Sie gingen davon aus, dass das Nervensystem als abgeschlossenes Organ ,von den Sinnen Signale empfängt und diese in die Muskeln entlädt‘. Das Gehirn gibt in kybernetischem Denken nicht den Befehl dazu, einen Bleistift aufzuheben (Ursache), woraus folgt, dass der Arm gehorcht (Wirkung). Vielmehr beruht diese Aktivität auf Regelkreisen oder Feedback-Schleifen, welche die Elemente des Nerven-, Bewegungs- und Sinnessystems zirkulär verbinden. Eine grundlegende Rolle für das ganze Wahrnehmungssystem spielt dabei der kinästhetische oder propriozeptive Sinn (vgl. auch Infobox S. 56).
Mit diesen Überlegungen zeigt sich ein wichtiger Unterschied zwischen dem Menschen und dem Beispiel der Heizung. Bei dieser handelt es sich um ein sehr träges System. Im Vergleich zu den fast unmittelbar und ohne erfahrbare Verzögerung funktionierenden Feedback-Kreisläufen, auf denen das Aufheben eines Bleistiftes beruht, arbeitet ein Heizsystem in einem extremen Schneckentempo und weist keine komplexen Anpassungsleistungen auf.“

Der Text der zugehörigen Infobox „Kybernetik war nicht nur technisch orientiert“ (S. 26):

„[...]
Kybernetik und kinästhetische Sinneswahrnehmung
Das folgende längere Zitat zeigt auf, dass Norbert Wiener auch die Dimension der Kybernetik erkannte, die in der Kinästhetik kultiviert und umgesetzt wird:
‚Angenommen, ich hebe einen Bleistift auf. Um dies zu tun, muss ich bestimmte Muskeln bewegen. Nur ein fachkundiger Anatom kennt alle diese Muskeln, und selbst er könnte die Handlung kaum als bewusste Willensanstrengung ausführen, indem er jeden betroffenen Muskel in der richtigen Reihenfolge kontrahieren würde. Es ist nicht unser Ziel, einzelne Muskeln zu bewegen, sondern den Bleistift aufzuheben. Sobald wir das einmal beschlossen haben, geht die Bewegung des Arms und der Hand auf eine solche Art vonstatten, dass man sagen könnte: Das Maß, um welches der Bleistift noch nicht aufgehoben ist, wird stufenweise verringert. Dieser Teil der Handlung geschieht nicht mit vollem Bewusstsein. Um eine Handlung in dieser Weise durchzuführen, muss es eine – bewusste oder unbewusste – Meldung an das Nervensystem darüber geben, wie stark wir in jedem einzelnen Augenblick das Ziel verfehlt haben, den Bleistift aufzuheben. Diese Meldung mag zumindest teilweise visuell sein, im Allgemeinen aber ist sie eher kinästhetisch bzw. propriozeptiv, um einen Begriff zu verwenden, der zur Zeit in Mode ist. Wenn diese propriozeptiven Sinneseindrücke fehlen und wir sie nicht visuell oder auf andere Weise ersetzen, so sind wir unfähig, die Handlung des Bleistiftaufhebens auszuführen; wir befinden uns dann in einem Zustand, den man Ataxie nennt. Auf der anderen Seite ist eine übermäßige Rückkoppelung wahrscheinlich eine ebenso große Behinderung. In diesem Fall schießt die Muskelbewegung über ihr Ziel hinaus und gerät in eine unkontrollierbare Oszillation. Dieser Zustand, der häufig mit einer Verletzung des Kleinhirns in Verbindung gebracht wird, ist als Intentionstremor bekannt.‘
Zirkularität als neues Erklärungsmuster der Bewegungsregulation
In der Fortsetzung des Zitats betont Wiener das grundsätzlich neue Verständnis der Bewegungs- bzw. Verhaltensregulation und seine mögliche Tragweite in unterschiedlichsten Bereichen:
‚In diesem Falle nun besteht eine signifikante Parallele zwischen der Tätigkeit des Nervensystems und der Arbeitsweise bestimmter Maschinen. Das Prinzip der Rückkoppelung führt einen wichtigen neuen Gedanken in die Neurophysiologie ein. Das zentrale Nervensystem erscheint nicht länger als ein in sich abgeschlossenes Organ, welches von den Sinnen Signale empfängt und diese in die Muskeln entlädt. Ganz im Gegenteil sind einige seiner typischsten Aktivitäten nur als zirkuläre Prozesse erklärbar, d. h. als Prozesse, die vom Nervensystem in die Muskeln wandern und durch die Sinnesorgane wieder in das Nervensystem zurückgelangen. Dieser Befund scheint die Erforschung des Nervensystems als einem integrierten Ganzen einen deutlichen Schritt vorwärts zu bringen. Der neue Ansatz, den die Kybernetik darstellt – eine Integration von Untersuchungen, die weder rein biologisch noch rein physikalisch sind, sondern vielmehr eine Kombination beider Wissensgebiete bilden –, hat schon jetzt unter Beweis gestellt, dass er bei der Lösung vieler Probleme der Technik, der Physiologie und höchstwahrscheinlich auch der Psychiatrie von Nutzen sein kann.[1]

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2020): Kybernetik und Kinästhetik. Unter Mitarbeit von Stefan Marty-Teuber und Stefan Knobel. Linz, Winterthur, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association, verlag lebensqualität. ISBN: 978-3-903180-22-2 (Verlag European Kinaesthetics Association) ISBN: 978-3-906888-02-6 (verlag lebensqualität). S. 23–24, 26.

3 Erfahrungsberichte

  • Zimmermann, Hubert und Kirov, Ute (2016): Optimal Handling bei Schädel-Hirn-Trauma. In: lebensqualität. Die Zeitschrift für Kinaesthetics und zirkuläres Denken. 2016, Nr. 4. S. 20–26.

4 Vergleiche auch

Lineare Kausalität
Feedback-Control-Theorie
Wahrnehmung

5 Weiterführende Literatur und Medien

6 Einzelnachweise

  1. Wiener, Norbert (2001): Futurum exactum. Ausgewählte Schriften zur Kybernetik und Kommunikationstheorie. Übersetzt von C. Kassung. Herausgegeben von Bernhard Dotzler. Wien, New York: Springer. ISBN 978-3-211-83467-1.
    Originalausgabe der Beiträge von Norbert Wiener: Norbert Wiener. Collected Works with Commentaries. © MIT Press 1976 and 1985.