Kinästhetik (Begriff)

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Status mit Fachliteratur angelegt
AutorIn/RedakteurIn N. N./N. N.
Letzte Änderung 17.03.2020


Zusammenfassung:
Dieser Artikel ist mit Fachliteratur angelegt. Er besteht aus zwei einschlägigen Zitaten zur Herkunft und Bedeutung des Begriffs Kinästhetik bzw. Kinaesthetics. Es handelt sich um eine gelehrte Neubildung von 1880. Das erste Glied „Kin-“gehört zu einem griechischen Verb mit der Bedeutung „(sich) bewegen“. Das zweite Glied „-ästhetik“ gehört zu einem griechischen Adjektiv „wahrnehmend, die Wahrnehmung betreffend“. Zu diesem muss ein Substantiv mit der Bedeutung „Kunst, Wissenschaft“ hinzugedacht werden. Somit kann die Neubildung mit „die Kunst, Wissenschaft der Bewegungswahrnehmung“ übersetzt werden.

Das erste Zitat ist eine kurzgefasste Darstellung einer Infobox, das zweite Zitat ein ausführlicherer Artikel zum Thema aus der Zeitschrift „lebensqualität“.

1 Die Herkunft und Bedeutung des Begriffs in „Kybernetik und Kinästhetik“

Das folgende Zitat stammt aus dem Buch „Kybernetik und Kinästhetik“. Das Zitat ist der Text einer Infobox des sechsten Kapitels „Kinästhetik ist praktische Kybernetik“. Die Infobox trägt den Titel „‚Kunst der Bewegungswahrnehmung‘: Die Herkunft des Wortes Kinästhetik“.

„Das Wort ‚Kinästhetik‘ ist eine gelehrte Neubildung, die der britische Neurologe H. C. Bastian (1837–1915) in einem Werk von 1880 einführt, um mit ihr den Bewegungssinn bzw. entsprechende Hirnzentren zu bezeichnen. Das erste Glied dieser Wortbildung (kin-) gehört zum griechischen Verb ‚kinéo; kinéomai‘ (‚bewegen; sich bewegen‘). Das zweite Glied (-ästhetik) ist eine Adjektivbildung zum griechischen Verb ‚aisthánomai ‚empfinden, wahrnehmen’. Das Adjektiv ‚kinaisthetikós’ wird man somit mit ‚bewegungsempfindend, die Bewegungswahrnehmung betreffend’ übersetzen, wobei anzumerken ist, dass im ersten Glied nicht das griechische Substantiv ‚kínesis’ (‚Bewegung’) vorliegt; dieses findet sich z. B. im Wort Kinesiologie. Nach dem in der Infobox auf Seite 16 beschriebenen Muster bedeutet die feminine Substantivierung ‚die Kinästhetik’ die Kunst, Lehre oder Wissenschaft der Bewegungswahrnehmung: Ursprünglich gehörte zu den entsprechenden Adjektiven das feminine Wort ‚téchne’, das in der Antike Künste bzw. Wissenschaften bezeichnete, zwei Bereiche, die im Gegensatz zu heute nicht voneinander getrennt gedacht wurden. (vgl. Marty-Teuber 2011b[1])“

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2020): Kybernetik und Kinästhetik. Unter Mitarbeit von Stefan Marty-Teuber und Stefan Knobel. Linz, Winterthur, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association, verlag lebensqualität. ISBN: 978-3-903180-22-2 (Verlag European Kinaesthetics Association), ISBN: 978-3-906888-02-6 (verlag lebensqualität). S. 64.

2 Kinästhetik/Kinaesthetics in der Zeitschrift „lebensqualität“

Das folgende Zitat stammt aus der Zeitschrift „lebensqualität“. Es ist der zweite Beitrag zu einer Serie mit dem Titel „wörterwurzeln“. Er ist mit „Kinaesthetics: vom sechsten Sinn zum Kino“ überschrieben.

„Die Herkunft vieler Wörter bietet oft überraschende Geschichten und Zusammenhänge, die weit in die indo-europäische Sprachgeschichte zurückreichen. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der European Kinaesthetics Association (EKA) und Altphilologe/Indogermanist erzählt Stefan Marty-Teuber von den Wurzeln von Wörtern, über die er bei seiner Tätigkeit stolpert.
Als ich diese Rubrik plante, hielt ich es für passend, sie mit dem Begriff ‚Kybernetik’ zu eröffnen. Ebenso zwingend erscheint es mir, mit ‚Kinaesthetics’ fortzufahren. Bei meinen Nachforschungen freute mich sehr, dass das fast 800-seitige Buch aus dem Jahr 1880, das den ersten Beleg dieser Wortzusammensetzung enthält, der interessierten LeserIn im Internet zur Verfügung steht. Für viele andere Themen benutzte ich verschiedenste Quellen. Da es sich um einen sehr zentralen Begriff handelt, nimmt der Text mehr Platz ein, als er sonst soll.
Die Seite aus dem Buch von Henry Charlton Bastian (1837–1915), auf der er in der Fußnote die Neubildungen „Kinaesthesis“ und „Kinaesthetic“ einführt.
Die Zusammensetzung entsteht.
Im Jahr 1880 schreibt der britische Neurologe Henry Charlton Bastian (1837–1915) in seinem Buch ‚The Brain as an Organ of Mind’, dass man angesichts der verschiedenartigen Empfindungen aus unserem Körperinneren – er listet sie tabellarisch auf – am zutreffendsten von einem Bewegungssinn (sense of movement) sprechen könnte. In der zugehörigen Fußnote ergänzt er:
‚Oder in einem Wort Kinaesthesis (von kinéo ‚bewegen‘ und aísthesis ‚Empfindung‘). Man wird es in Zukunft gewiss als zutreffender erachten, von einem ‚kinästhetischen Hirnzentrum‘ zu sprechen als von einem ‚Sinn des Bewegungshirnzentrums‘.’
Im weiteren Verlauf des Buches verwendet er neben ‚Kinaesthesis’ (Bewegungswahrnehmung) besonders das Adjektiv ‚kinaesthetic’ (bewegungswahrnehmend) häufig.
In den 1890er-Jahren wird aufgrund dieser Publikation zur Bezeichnung der ganzen Thematik das Wort
‚kinaesthetics’ (bzw. ‚kinesthetics’ als Rechtschreibungsvariante) im Sinne der Lehre der Bewegungsempfindungen geprägt.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts verwenden die Medizin und die Biologie/Zoologie diese neuen Begriffe so gängig, dass sich 1978 die Duden-Redaktion entscheidet, die eingedeutschte Wortfamilie Kinästhesie/
Kinästhetik/kinästhetisch in die zehnbändige Ausgabe aufzunehmen.
Fünf Sinne?
Aus der Geschichte der Entdeckung dieses ‚sechsten’, kinästhetischen Sinnes möchte ich zwei Etappen anführen:
Als allererste Erwähnung des kinästhetischen Sinnes wird eine Beschreibung des italienischen Humanisten Julius Caesar Scaliger (1484–1558) betrachtet, offenbar in der Formulierung einer sinnlichen Wahrnehmung der Bewegung und der Position der Körperteile. Zu finden sein muss die lateinische Textstelle in seinen ‚Exercitationes’ aus dem Jahr 1557, einem Sammelsurium verschiedenster naturwissenschaftlicher, medizinischer und aus heutiger Sicht auch obskurer Weisheiten.
Der oben erwähnte Schöpfer der Zusammensetzung ‚Kinaesthesis/kinaesthetic’, H. Ch. Bastian, hatte sie explizit als Ersatz für den damals geläufigen Begriff ‚Muskelsinn’ (muscular oder muscle sense) vorgeschlagen, weil er diesen für unstimmig hielt. Der Begriff ‚muscle sense‘ geht auf den schottischen Anatomen und Physiologen Ch. Bell (1774–1842) zurück. Seine entsprechende Darstellung aus dem Jahr 1826 gilt als eine der ersten Beschreibungen eines biologischen Feedback- oder Rückkoppelungs-Mechanismus zwischen Gehirn, Motorik und Wahrnehmung.
Vor dem Humanisten Scaliger schrieb man dem Menschen fünf Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten) zu. Dies geht auf entsprechende Ausführungen des griechischen Philosophen Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurück. Leider wirkt seine Autorität bis in den heutigen Unterricht der Primarschule nach, der sich beim Thema der Sinne nicht selten auf dem Stand der Antike und des Mittelalters befindet.
Körperliche Grundlagen.
Erst lange nach Scaliger wurden die unterschiedlichen Rezeptoren, die die körperlichen Grundlagen der Bewegungswahrnehmung bilden, entdeckt. Diese sensorischen Strukturen erlauben uns eine differenzierte Wahrnehmung unserer eigenen Bewegung. Durch sie können wir uns unterschiedliche Informationen verschaffen, so zum Beispiel über die Spannung, Dehnung und Kontraktion unserer Muskeln und Sehnen sowie über die Bewegungen unserer Gelenke und aller Körperteile bis hin zu den Augen oder der Zunge, dem Sitz der Rezeptoren anderer Sinne. Im 18. Jahrhundert wurde das sogenannte Vater-Pacini-Körperchen vom deutschen Anatomen A. Vater (1684–1751) zum ersten Mal nachgewiesen, was aber wieder in Vergessenheit geriet. Die meisten der kinästhetischen Rezeptoren wurden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts und später entdeckt. Zu ihnen gehören die Golgi-Sehnenorgane, die Ruffini-Körperchen und die Muskelspindeln.
Propriozeption.
Im Jahr 1906 erhielt die von H. Bastian eingeführte, griechische Wortfamilie von Kinästhesie, kinästhetisch etc. eine lateinische Konkurrenz. Der britische Neurologe Ch. S. Sherrington (1857–1952), der viele neurologische Fachbegriffe wie ‚Synapse‘ oder ‚Rezeptor‘ prägte, führte auch die folgenden Begriffe ein:
> Exteroception (Exterozeption): Wahrnehmung der Außenwelt,
> Interoception (Interozeption): Wahrnehmung von Reizen in inneren Organen,
> Proprioception (Propriozeption): Wahrnehmung der eigenen Bewegung.
Mit dem letzten Begriff schlug er somit ein lateinisches Wort für das bereits existierende griechische Wort Kinästhesie vor. Sein Vorschlag fand breiten Anklang, und die Begriffe Kinästhesie/Propriozeption und kinästhetisch/propriozeptiv werden seither als Synonyme gebraucht. Sie werden von der heutigen Wissenschaft immer noch diskutiert und teils auch unterschiedlich definiert.
Übrigens griff Herrington bei der Wortbildung auf die folgenden lateinischen Wörter zurück: exter(us) ‚äußerer’, interior/internus ‚innerer’ und proprius ‚eigen’; für das zweite Glied auf (re)ceptio ‚Aufnahme’, das sich von (re)cipere ‚in sich aufnehmen’ herleitet.
Im deutschen Sprachraum etablierte sich im Wissenschaftsbetrieb des 20. Jahrhunderts zu guter Letzt der Begriff ‚Tiefensensibilität’ als Synonym von Propriozeption/Kinästhesie. Dieser Bezeichnung wurde die ‚Oberflächensensibilität’ der Haut gegenübergestellt.
Kinaesthetics zum Zweiten.
Genau 100 Jahre nach dem ersten Beleg der Wortbildung schreiben die beiden Amerikaner Frank Hatch (*1940) und Lenny Maietta (*1950) im ersten Artikel des ersten Bulletins ‚Kinästhetik‘: ‚Wir bezeichnen unsere Arbeit mit verschiedenen Namen … Der offizielle Begriff für unsere Arbeit ist Kinaesthetics. Der schrullige Begriff ist Gentle Dance. Der beschreibende Begriff, den wir sehr häufig benutzen, ist ‚Lernen, wie man lernt‘. … Wir sind der Meinung, dass das Wort Kinaesthetics unser hauptsächliches Verfahren am besten beschreibt, das darin besteht, bei Einzelpersonen das Wahrnehmen ihrer eigenen Bewegung wieder zu erwecken und die Rolle dieses Sinnes unter den anderen Sinnen zu stärken, sodass die Sinneswahrnehmung (Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmecken, Propriozeption) ausgewogen wird und ein Ganzes bildet.‘
Im gleichen Artikel wird auch darauf hingewiesen, dass der Begriff darum als passend erschien, weil in ihm die ‚Ästhetik‘, die Lehre und Kunst des Schönen, anklingt – ein Begriff, der um 1750 ausgehend von der ‚Wissenschaft vom sinnlich Wahrnehmbaren‘ auf diese Bedeutung verengt worden war. In diesem Zusammenhang verweisen die Autoren darauf, dass in der Literatur zur Ästhetik des ‚Modern Dance‘ häufig die enge Verbindung zwischen der Kinästhesie (‚Bewegungswahrnehmung‘) und dem Verständnis der Welt bzw. der persönlichen Rolle in ihr thematisiert wird.
Wie entwickelte und konkretisierte sich die Neubelebung des Begriffs
Kinaesthetics? Diese meines Erachtens geniale Idee, sich der Frage zu widmen, welche unterschiedlichen Qualitäten durch das kinästhetische Sinnessystem in der Bewegung subjektiv erfahrbar sind, durch welche Blickwinkel oder Fokusse sich Bewegung und Bewegungswahrnehmung zugunsten einer größeren Anpassungsfähigkeit und Bewegungskompetenz sensibilisieren lassen? Sie entwickelte sich aus dem Kontakt der beiden Begründer von Kinaesthetics mit dem Verhaltenskybernetiker K. U. Smith (1907–1994, vgl. lebensqualität 03/2009) und vielen, an Bewegung und Tanz interessierten KünstlerInnen, PädagogInnen und WissenschaftlerInnen. Zu diesen gehören J. Graham (*1930), dessen Kurse in den ersten Kinästhetik-Bulletins der 1980er-Jahre neben denen von Hatch/Maietta ausgeschrieben wurden, oder M. Feldenkrais (1904–1984). Nicht zuletzt aber konkretisierten sich die Ideen und Konzepte von Kinaesthetics in der Feldforschung mit vielen interessierten Menschen an unzähligen Kursen und Ausbildungen in Europa.
-ik und -ic(s).
Wie erklärt sich sprachwissenschaftlich die Wortbildung von Kinaesthetics? Zur Beantwortung dieser Frage muss man einen Blick auf eine ganze Gruppe von Wörtern werfen, zu der Kinästhetik, Ästhetik, Physik, Mathematik, Musik und viele andere mehr gehören. Alle diese Wörter auf deutsch -ik und englisch -ic(s) sind ursprünglich feminine griechische Adjektive zum Substantiv téchne ‚Wissenschaft, Kunst, Kompetenz’. Als téchne im Verlauf der Sprachgeschichte immer öfter weggelassen wurde, wurden diese Adjektive zu femininen Substantiven (zum Beispiel die musische Kunst > die ‚Musische’, die Musik). In der inhaltlichen Bedeutung konkurrieren mit diesen Wortbildungen übrigens Zusammensetzungen mit -logie (zu griechisch lógos ‚vernünftige Rede, Lehre, Kunde’, zum Beispiel Ägyptologie ‚Ägyptenkunde’) und Zusammensetzungen mit -nomie (zu griechisch nómos ‚Gesetz’, zum Beispiel Astronomie ‚Sternkunde’).
kinaisthetikè téchne.
Das zusammengesetzte Wort ‚Kin(a)esthetics‘ bzw. ‚Kinästhetik‘ geht in seinem ersten Glied auf den griechischen Verbalstamm kin- zurück. Er zeigt sich in den Verben kinéo ‚(etwas oder jemanden) bewegen, in Bewegung setzen‘ und kinéomai ‚sich bewegen‘. Im zweiten Glied (-aesthetics/-ästhetik) findet sich nach dem oben erwähnten Muster der Begriffe auf -ik/-ic(s) ein ursprünglich feminines Adjektiv aisthetiké ‚wahrnehmend, Wahrnehmungs-‘. Es wurde aus dem Verb aisthánomai ‚empfinden, wahrnehmen‘ gebildet.
Wenn ich versuche, die Wortbildung von
Kinästhetik/kin(a)esthetics im Deutschen möglichst nahe ans Griechische anzulehnen, ergibt sich ‚die beweg-wahrnehm-ige (ergänze: Wissenschaft, Kunst, Kompetenz)‘ – tatsächlich ist das deutsche Suffix -ig (zum Beispiel in blauäug-ig) urverwandt mit dem griechischen -ik(ós, -é, -ón). Eine zielsprachenorientierte und meines Erachtens sehr schöne Übersetzung für all das, worum sich Kinaesthetics bemüht, lautet ‚die Wissenschaft, Kunst oder Kompetenz der Bewegungswahrnehmung‘.
Wurzeln und Triebe.
Die Verbalwurzel ki(n)- ‚bewegen‘ ist auch in anderen indo-europäischen Sprachen gut belegt, so zum Beispiel in lateinisch citare ‚in Bewegung setzen, amtlich aufrufen‘ (wird deutsch zu ‚zitieren‘) oder – äußerlich schlecht erkennbar – im Verb ‚heißen‘, das in allen germanischen Sprachen vorhanden ist und ursprünglich ‚in Bewegung setzen, rufen, vorladen‘ bedeutet.
Zur Wurzel kin- wurden die Substantive kínesis und kínema ‚Bewegung‘ gebildet. Kínesis liegt zum Beispiel in Kinesi-o-logie (‚Bewegungslehre‘) vor. Dieser Begriff wurde wie
Kinaesthetics gegen Ende des 19. Jahrhunderts geprägt und später als ‚applied kinesiology‘ neu besetzt, und zwar ab den 1960er-Jahren durch den Chiropraktiker George Goodheart (1908–2008). Das griechische Substantiv kínema liegt im französischen le cinémat-o-graphe (‚Bewegungsschreiber, -zeichner‘, seit 1890) vor. Diese Bezeichnung verkürzte sich in le cinéma/the cinema und gleich nochmals im deutschen Kino. Im Weiteren wurde die Wurzel in einigen Fachbegriffen genutzt, so zum Beispiel in Kinematik/kinematisch, Kinetik/kinetisch (physikalische ‚Bewegungslehren‘) bis hin zur Kinesiotherapie (‚Bewegungstherapie‘).
Auch die Wurzel des Verbs aisthánomai ‚empfinden, wahrnehmen‘ ist indo-europäisch und zum Beispiel mit lateinisch audio ‚hören‘ urverwandt. Wie oben erwähnt, leitet sich der Begriff Ästhetik von diesem Verb her. Aus ihm wurde im Griechischen das Substantiv aísthesis ‚Empfindung, Wahrnehmung‘ gebildet. Darauf griff der eingangs erwähnte H. Ch. Bastian zur Bildung von Kinästhesie (‚Bewegungsempfindung, -wahrnehmung‘) zurück und gleichfalls liegt es in Anästhesie (‚Empfindungslosigkeit‘, eigentlich ‚Unempfindung‘) vor. Begrifflich tummelt sich
Kinaesthetics somit unter zahlreichen Geschwistern, ist in seinen Wurzeln uralt, als Wort aber erst ungefähr 120 Jahre und in seiner Neubelebung etwa 30 Jahre jung. Da ist für die Zukunft noch viel Bewegung möglich …“

Quelle: Marty-Teuber, Stefan (2011): Kinaesthetics: vom sechsten Sinn zum Kino. In: lebensqualität. Die Zeitschrift für Kinaesthetics. 2011, Nr. 3. S. 38–40.

3 Kommentare, Auswertung und offene Fragen

Wie aus den beiden Zitaten deutlich wird, ist die genaue Erklärung der Herkunft und Bedeutung des Begriffs Kinästhetik/Kinaesthetics eher anspruchsvoll. In der Kinästhetik-Fachliteratur findet sich nicht selten der Hinweis, dass der Begriff als Kunstwort aus den griechischen Wörtern kínesis „Bewegung“ und aísthesis „Wahrnehmung“ zusammengesetzt sei[2]. Diese Erklärung ist der Idee nach richtig, aber aus sprachwissenschaftlicher Perspektive nicht ganz korrekt. Wie die Beispiele Kine-si-o-logie oder Ästhe-si-o-logie („Lehre von den Sinnesorganen und ihren Funktionen“[3]) zeigen, darf das Suffix -si- nicht verloren gehen, wenn eine Neubildung auf einem Substantiv beruhen soll, das im Griechischen mit diesem Suffix gebildet wurde.

Eine Anmerkung zur Schreibung des zweiten Gliedes (-ästhetik/-aesthetics/-aisthetikós):
Die Schreibung -ai- ist eine Umschrift des Altgriechischen, wo die Buchstaben a und i verwendet werden. Schon die Römer haben diesen Diphthong stets als -ae- geschrieben. Dies zeigt sich im bekannten Beispiel von lateinisch Caesar, das altgriechisch als Kaisar umgeschrieben wurde. Ausgesprochen hat man -ai- und -ae- in der Antike lange Zeit genau gleich als Diphthong wie im deutschen Wort „Ei“. Erst gegen Ende der Antike wurde er als „ä“ ausgesprochen und ging in Aussprache und Schrift immer mehr Richtung „e“ bis hin zum französischen César in unserem Beispiel. Diese Entwicklung spiegelt sich in der englischen Schreibung aesthetics gegenüber der amerikanischen Schreibung esthetics für Ästhetik.

4 Weiterführende Literatur und Medien

  • Frisk, Hjalmar (1973): Griechisches etymologisches Wörterbuch. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag. ISBN 3-533-00652-2.
Die Titelseite des Buches, das "Kinaesthesis" usw. in die wissenschaftliche Diskussion einführt.
  • Bastian, Henry Charlton (1882): The Brain as an Organ of Mind. Third Edition. London: Kegan Paul, Trench & Co.

Der Volltext dieses Werkes kann in der Ausgabe von 1896 (New York: D. Appleton and Company) beim National Center for Biotechnology Information heruntergeladen werden: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5124189/. Die im zweiten Zitat vom Autor übersetzten und besprochenen Stellen finden sich auf der Seite 543 (vgl. Abbildung oben).

  • Wikipedia (2020): Henry Charlton Bastian.

https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Charlton_Bastian (Zugriff: 17.03.2020).

  • Wikipedia (2020): Charles Bell (Anatom).

https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Bell_(Anatom) (Zugriff: 17.03.2020).

  • Wikipedia (2020): Charles Scott Sherrington.

https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Scott_Sherrington (Zugriff: 17.03.2020).

5 Einzelnachweise

  1. Marty-Teuber, Stefan (2011): Kinaesthetics: vom sechsten Sinn zum Kino. In: lebensqualität. Die Zeitschrift für Kinaesthetics. 2011, Nr. 3. S. 38–40. Vgl. zweites Zitat dieses Artikels.
  2. So z. B. Hatch, Frank; Maietta, Lenny (2003): Kinästhetik. Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten. Übersetzung: Ute Villwock, Elisabeth Brock. 2., komplett überarbeitete Auflage. München, Jena: Urban und Fischer. ISBN 978-3-437-31467-4. S. 221.
  3. Online-Duden (2020): Ästhesiologie.
    https://www.duden.de/rechtschreibung/Aesthesiologie (Zugriff: 17.03.2020)