KOFL:Projekt Konzeptsystembuch 11: 2.4. Orientierung: Unterschied zwischen den Versionen

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Die Entstehung des Begriffes Orientierung hängt mit der Tatsache zusammen, dass sich der Mensch – insbesondere auf seinen Reisen – seit frühester Zeit an der aufgehenden Sonne (Orient, Osten) bzw. an den Himmelsrichtungen und den Himmelskörpern auszurichten pflegte.<br><br> Orientierung kann also die Fähigkeit bezeichnen, sich im äußeren Raum und in der Zeit zurechtfinden zu können. Die räumlich-zeitliche Orientierungsfähigkeit beantwortet Fragen wie: „Wo befinden wir uns? In was für einer Umgebung befinden wir uns? Welchen Weg sollen wir einschlagen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen?“<br><br> Kinaesthetics versteht unter Orientierung aber auch die Fähigkeit, sich im eigenen Körper, im inneren Raum bzw. an den Sachverhalten der funktionalen Anatomie orientieren zu können. Diese körperliche Orientierungsfähigkeit setzt sich mit Fragen auseinander wie: „In welcher Position befindet sich unser Körper? Wie und mit welcher Anstrengung ist dabei die Gewichtsabgabe unserer Massen organisiert? Wie
 
Die Entstehung des Begriffes Orientierung hängt mit der Tatsache zusammen, dass sich der Mensch – insbesondere auf seinen Reisen – seit frühester Zeit an der aufgehenden Sonne (Orient, Osten) bzw. an den Himmelsrichtungen und den Himmelskörpern auszurichten pflegte.<br><br> Orientierung kann also die Fähigkeit bezeichnen, sich im äußeren Raum und in der Zeit zurechtfinden zu können. Die räumlich-zeitliche Orientierungsfähigkeit beantwortet Fragen wie: „Wo befinden wir uns? In was für einer Umgebung befinden wir uns? Welchen Weg sollen wir einschlagen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen?“<br><br> Kinaesthetics versteht unter Orientierung aber auch die Fähigkeit, sich im eigenen Körper, im inneren Raum bzw. an den Sachverhalten der funktionalen Anatomie orientieren zu können. Diese körperliche Orientierungsfähigkeit setzt sich mit Fragen auseinander wie: „In welcher Position befindet sich unser Körper? Wie und mit welcher Anstrengung ist dabei die Gewichtsabgabe unserer Massen organisiert? Wie
 
und in welche Richtung sollen wir unsere Körperteile bewegen, um ein Ziel zu erreichen?“<br><br>
 
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Kinaesthetics geht davon aus, dass diese körperlichen Orientierungsfähigkeiten ständige Prozesse sind, die auf Bewegung, auf der Bewegungswahrnehmung (und der gesamten Sinneswahrnehmung) beruhen. Nach dieser Annahme sind wir bewusst oder unbewusst konstant damit beschäftigt, die Orientierung oder die „richtige Richtung“ unserer Bewegungen nicht zu verlieren. Die körperliche Orientierung stellt die Grundlage dafür dar, dass ein Mensch sich im äußeren Raum und generell in der Welt, z. B. in Gesellschaft und Kultur, orientieren kann.<br><br>
 
Kinaesthetics geht davon aus, dass diese körperlichen Orientierungsfähigkeiten ständige Prozesse sind, die auf Bewegung, auf der Bewegungswahrnehmung (und der gesamten Sinneswahrnehmung) beruhen. Nach dieser Annahme sind wir bewusst oder unbewusst konstant damit beschäftigt, die Orientierung oder die „richtige Richtung“ unserer Bewegungen nicht zu verlieren. Die körperliche Orientierung stellt die Grundlage dafür dar, dass ein Mensch sich im äußeren Raum und generell in der Welt, z. B. in Gesellschaft und Kultur, orientieren kann.<br><br>
Oft macht sich dieser Prozess erst bei einem Orientierungsverlust deutlich bemerkbar. Eine schwere Verletzung kann unsere körperliche Orientierung, d. h. die Fähigkeit zu einer zielgerichteten Bewegung der unverletzten Glieder, sowie die räumlich-zeitliche Orientierung, und damit unser Wohlbefinden im wahrsten Sinne des Wortes lahmlegen.
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Oft macht sich dieser Prozess erst bei einem Orientierungsverlust deutlich bemerkbar. Eine schwere Verletzung kann unsere körperliche Orientierung, d. h. die Fähigkeit zu einer zielgerichteten Bewegung der unverletzten Glieder, sowie die räumlich-zeitliche Orientierung, und damit unser Wohlbefinden im wahrsten Sinne des Wortes lahmlegen.<br><br><br>
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'''Oben und unten'''<br>
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Die körperliche Orientierung bezüglich „oben“ und „unten“ basiert auf der Erfahrung der spezifischen Anordnung der einzelnen Massen: „Oben“ ist der Kopf, dann folgt der Brustkorb und das Becken, „unten“ sind die Beine bzw. die Füße. Da diese Anordnung unabhängig davon ist, in welcher Position oder räumlichen Lage sich ein Mensch befindet, kann die körperliche Orientierung in einem Widerspruch zur räumlichen Definition von „oben“ und „unten“ stehen, die sich aus einer Außenperspektive ergibt.<br><br>
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Die räumliche Definition von „oben“ und „unten“ wird durch die konstante Wirkung der Schwerkraft bestimmt, die unser Leben in einem hohen Ausmaß prägt. „Unten“ definiert sich durch die Richtung der Schwerkraft, „oben“ durch die Gegenrichtung.<br><br>
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Bezüglich der räumlichen und körperlichen Orientierung fällt auf: Die Extremitäten sind symmetrisch angeordnet und unterstützen in einem analogen Muster die Steuerung des Gewichtes der zentralen Massen in der Schwerkraft:
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* Die Arme sind seitlich mit dem Brustkorb verbunden und unterstützen die Gewichtssteuerung des Brustkorbes.
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* Die Beine sind seitlich mit dem Becken verbunden und sind für die Gewichtsverlagerung des Beckens hilfreich.
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* Die Ohren sind sozusagen die nach innen gestülpten Extremitäten des Kopfes und unterstützen durch den Gleichgewichtssinn im Innenohr die Steuerung des Kopfes bzw. die Orientierung in der Schwerkraft.<br><br>
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Für die Unterscheidung zwischen „oben“ und „unten“ kann der Mensch immer auf die innere, körperliche oder auf die äußere, räumliche Orientierung zurückgreifen. Diese können in einem Widerspruch zueinander stehen. Aufstehen hat aus einer Innenperspektive betrachtet kaum etwas mit einem vertikalen Hochheben der Massen gegen die Schwerkraft zu tun, wie man es von außen betrachtet vielleicht beschreiben würde. Die Ausführung von Aktivitäten erfordert stets die Orientierung an den eigenen, körperlichen und an den äußeren, räumlichen Bedingungen.

Version vom 15. Juni 2020, 16:28 Uhr


Status mit Fachliteratur angelegt
AutorIn/RedakteurIn N. N./Lutz Zierbeck
Letzte Änderung 15.06.2020


Hinweis:
Dieser Artikel wird im Rahmen des Projektes „Konzeptsystembuch-Umfrage“ des Ressourcenpools Curriculum und Forschung der European Kinaesthetics Association (EKA) veröffentlicht. Die Absicht ist, dass zum untenstehenden Zitat auf der zugehörigen Diskussionsseite Projekt Konzeptsystembuch 11: 2.4. Orientierung offene Fragen, unterschiedliche Verständnisse, Weiterentwicklungsbedarf usw. breit und umfassend gesammelt werden. Die Umfrage dauert ein Jahr. Deshalb ist dieser Artikel in dieser Form nur bis Oktober 2021 im KOFL sichtbar.

"2.4. Orientierung

Die Entstehung des Begriffes Orientierung hängt mit der Tatsache zusammen, dass sich der Mensch – insbesondere auf seinen Reisen – seit frühester Zeit an der aufgehenden Sonne (Orient, Osten) bzw. an den Himmelsrichtungen und den Himmelskörpern auszurichten pflegte.

Orientierung kann also die Fähigkeit bezeichnen, sich im äußeren Raum und in der Zeit zurechtfinden zu können. Die räumlich-zeitliche Orientierungsfähigkeit beantwortet Fragen wie: „Wo befinden wir uns? In was für einer Umgebung befinden wir uns? Welchen Weg sollen wir einschlagen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen?“

Kinaesthetics versteht unter Orientierung aber auch die Fähigkeit, sich im eigenen Körper, im inneren Raum bzw. an den Sachverhalten der funktionalen Anatomie orientieren zu können. Diese körperliche Orientierungsfähigkeit setzt sich mit Fragen auseinander wie: „In welcher Position befindet sich unser Körper? Wie und mit welcher Anstrengung ist dabei die Gewichtsabgabe unserer Massen organisiert? Wie und in welche Richtung sollen wir unsere Körperteile bewegen, um ein Ziel zu erreichen?“

Kinaesthetics geht davon aus, dass diese körperlichen Orientierungsfähigkeiten ständige Prozesse sind, die auf Bewegung, auf der Bewegungswahrnehmung (und der gesamten Sinneswahrnehmung) beruhen. Nach dieser Annahme sind wir bewusst oder unbewusst konstant damit beschäftigt, die Orientierung oder die „richtige Richtung“ unserer Bewegungen nicht zu verlieren. Die körperliche Orientierung stellt die Grundlage dafür dar, dass ein Mensch sich im äußeren Raum und generell in der Welt, z. B. in Gesellschaft und Kultur, orientieren kann.

Oft macht sich dieser Prozess erst bei einem Orientierungsverlust deutlich bemerkbar. Eine schwere Verletzung kann unsere körperliche Orientierung, d. h. die Fähigkeit zu einer zielgerichteten Bewegung der unverletzten Glieder, sowie die räumlich-zeitliche Orientierung, und damit unser Wohlbefinden im wahrsten Sinne des Wortes lahmlegen.


Oben und unten
Die körperliche Orientierung bezüglich „oben“ und „unten“ basiert auf der Erfahrung der spezifischen Anordnung der einzelnen Massen: „Oben“ ist der Kopf, dann folgt der Brustkorb und das Becken, „unten“ sind die Beine bzw. die Füße. Da diese Anordnung unabhängig davon ist, in welcher Position oder räumlichen Lage sich ein Mensch befindet, kann die körperliche Orientierung in einem Widerspruch zur räumlichen Definition von „oben“ und „unten“ stehen, die sich aus einer Außenperspektive ergibt.

Die räumliche Definition von „oben“ und „unten“ wird durch die konstante Wirkung der Schwerkraft bestimmt, die unser Leben in einem hohen Ausmaß prägt. „Unten“ definiert sich durch die Richtung der Schwerkraft, „oben“ durch die Gegenrichtung.

Bezüglich der räumlichen und körperlichen Orientierung fällt auf: Die Extremitäten sind symmetrisch angeordnet und unterstützen in einem analogen Muster die Steuerung des Gewichtes der zentralen Massen in der Schwerkraft:

  • Die Arme sind seitlich mit dem Brustkorb verbunden und unterstützen die Gewichtssteuerung des Brustkorbes.
  • Die Beine sind seitlich mit dem Becken verbunden und sind für die Gewichtsverlagerung des Beckens hilfreich.
  • Die Ohren sind sozusagen die nach innen gestülpten Extremitäten des Kopfes und unterstützen durch den Gleichgewichtssinn im Innenohr die Steuerung des Kopfes bzw. die Orientierung in der Schwerkraft.

Für die Unterscheidung zwischen „oben“ und „unten“ kann der Mensch immer auf die innere, körperliche oder auf die äußere, räumliche Orientierung zurückgreifen. Diese können in einem Widerspruch zueinander stehen. Aufstehen hat aus einer Innenperspektive betrachtet kaum etwas mit einem vertikalen Hochheben der Massen gegen die Schwerkraft zu tun, wie man es von außen betrachtet vielleicht beschreiben würde. Die Ausführung von Aktivitäten erfordert stets die Orientierung an den eigenen, körperlichen und an den äußeren, räumlichen Bedingungen.