Projekt Konzeptsystembuch 19: 5.2. Komplexe Funktion: Bewegung am Ort und Fortbewegung

Status mit Fachliteratur angelegt
AutorIn/RedakteurIn N. N./Joachim Reif
Letzte Änderung 18.08.2020


Hinweis:
Dieser Artikel wird im Rahmen des Projektes „Konzeptsystembuch-Umfrage“ des Ressourcenpools Curriculum und Forschung der European Kinaesthetics Association (EKA) veröffentlicht. Die Absicht ist, dass zum untenstehenden Zitat auf der zugehörigen Diskussionsseite Projekt Konzeptsystembuch 19: 5.2. Komplexe Funktion: Bewegung am Ort und Fortbewegung offene Fragen, unterschiedliche Verständnisse, Weiterentwicklungsbedarf usw. umfassend gesammelt und diskutiert werden. Diese offene Umfrage bzw. Diskussion dauert ein Jahr. Deshalb ist dieser Artikel in dieser Form nur bis August 2021 im KOFL sichtbar.

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1 „5.2. Komplexe Funktion: Bewegung am Ort und Fortbewegung

Mit dem Begriff „komplexe Funktion“ sind alle Aktivitäten gemeint, die ein Mensch
auf der Grundlage der einfachen Funktion ausführt. Kinaesthetics unterscheidet
zwischen komplexen Funktionen, die nicht mit einem Ortswechsel des betreffenden
Menschen verbunden sein müssen (z. B. Atmen, Essen, Trinken, Schreiben), und
solchen, die auf Fortbewegung beruhen (z. B. Gehen, Krabbeln, Springen,
Positionswechsel).
Bewegung am Ort
Als „Bewegungen am Ort“ bezeichnet Kinaesthetics alle Funktionen, die nicht auf
einen Ortswechsel angewiesen sind. Bei diesen Bewegungen kann zwischen
„willkürlichen Funktionen am Ort“ und „unwillkürlichen Funktionen“ unterschieden
werden.
Unwillkürliche Funktionen
Als unwillkürliche Funktionen werden die Vitalfunktionen bezeichnet (z. B. Atmung,
Kreislauf, Verdauung). Diese Funktionen können willentlich nicht direkt gestaltet
werden. Sie werden jedoch von der einfachen Funktion, d. h. von der Organisation
des Körpergewichts in der Schwerkraft beeinflusst: Zwischen der Qualität, welche die
Bewegungsprozesse der einfachen Funktion haben, und der Qualität der
Vitalfunktionen besteht eine enge Wechselwirkung.
Willkürliche Funktionen am Ort
Zu den willkürlichen Funktionen gehören alle Bewegungen bzw. Aktivitäten, die
keinen Ortswechsel benötigen und willentlich direkt gestaltbar sind (z. B. Essen,
Sichwaschen, Sichanziehen, Ausscheiden). Nicht jede Position ist für jede Aktivität
gleichermaßen geeignet: So eignet sich z. B. Liegen schlecht zum Trinken und
Stehen schlecht zum Schlafen. Die Fähigkeit, das Gewicht in einer bestimmten
Position organisieren zu können, ist die Voraussetzung dafür, dass eine willkürliche
Aktivität in dieser Position gelernt und ausgeführt werden kann.
Fortbewegung
Fortbewegung bedeutet, das Gewicht aller Massen an einen neuen Ort zu bringen.
Die Voraussetzung dafür, dass man sich fortbewegen kann, ist die Fähigkeit, das
Gewicht in den jeweiligen Positionen organisieren zu können. In seiner
Bewegungsentwicklung bewegt sich das Kind in verschiedenster Art und Weise aus
jeder Position fort. Sein Leben lang entwickelt der Mensch diese Fähigkeit zu immer
differenzierteren Fortbewegungsaktivitäten weiter.
Von außen betrachtet kann man die Fortbewegung in „Fortbewegung in horizontaler
Richtung“ (z. B. Kriechen, Rennen) und „Fortbewegung in vertikaler Richtung“ (z. B.
Aufstehen) unterteilen. Beide Fortbewegungsarten lassen sich weiter aufgliedern in
Formen, bei denen die Gewichtsverlagerung auf einer Unterstützungsfläche
geschieht, und solche, bei denen das Gewicht in der Luft verlagert wird.
Fortbewegung in horizontaler Richtung
Gehende Fortbewegung


Gehende Fortbewegung.jpeg
Die Gewichtsverlagerung geschieht auf einer
Unterstützungsfläche.

Beispiele: gehen, robben, kriechen


Diese Fortbewegungsart ist dadurch gekennzeichnet, dass sie durch eine
Gewichtsverlagerung von der rechten zur linken Körperhälfte und von oben nach
unten (und je umgekehrt) sowie in einzelnen Schritten geschieht.
Jeder Schritt beinhaltet die folgenden drei Elemente:
1. Das Gewicht seitlich auf eine Körperhälfte verlagern.
2. Den entlasteten Körperteil (oder auch mehrere) an einen neuen Ort bewegen.
3. Das Gewicht wieder ausgeglichen auf beide Körperhälften zurückverlagern.
Diese gehende Fortbewegung ist von allen Grundpositionen aus möglich. Zum
Beispiel kann man sich liegend im Bett aufwärts und abwärts bewegen, auf dem
Stuhl sitzend vor- und zurück„gehen“, man kann im Vierfüßer kriechen oder auf den
Füßen gehen.
Betrachtet man die Entwicklung der Fortbewegungskompetenz des Menschen, so
kann man feststellen, dass die Fortbewegung aus einer Position immer
anspruchsvoller wird, je höher die Position ist. Entsprechend ist die Kompetenz, sich
liegend oder sitzend fortbewegen zu können, eine Voraussetzung dafür, dass man auf
den Füßen gehen kann. So ist z. B. die Gewichtsverlagerung seitlich auf eine
Körperseite im Liegen einfacher als im Sitzen und im Sitzen einfacher als im Stehen.


Springen
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52-detail-fortbew-springen2.jpg
Die Gewichtsverlagerung geschieht in der Luft.


Während bei der gehenden Fortbewegung immer mindestens ein Körperteil Kontakt
mit einer Unterstützungsfläche hat, sind beim Springen für eine kurze Zeit alle
Körperteile von der Unterstützungsfläche losgelöst: Das Gewicht wird in der Luft
verlagert. Diese Art der Fortbewegung braucht mehr Anstrengung und mehr
Fähigkeiten der Gewichtskontrolle als die gehende Fortbewegung.
Fortbewegung in vertikaler Richtung


Positionswechsel
52-detail-fortbew-vertical.jpg
Die Gewichtsverlagerung geschieht auf einer
Unterstützungsfläche.

Beispiele: vom Stuhl aufstehen, ins Bett
steigen, sich hinlegen


Fortbewegungsaktivitäten in vertikaler Richtung benötigen den Wechsel von
höheren zu tieferen Positionen und umgekehrt. Im Unterschied zur gehenden
Fortbewegung wird hier das Gewicht nicht zurückverlagert (vgl. Kapitel 5.2., drittes
Element eines Schrittes), sondern kontinuierlich auf andere Körperteile
weiterverlagert. Das Gewicht einer Masse befindet sich immer auf einer
Unterstützungsfläche oder auf einer anderen Masse.
Anhand des folgenden Modells beschreibt Kinaesthetics einen Weg vom Liegen zum
Stehen, der durch alle Grundpositionen führt:
Von der Rückenlage in die Bauchlage gelangt man in einem spiraligen
Bewegungsmuster durch eine Kombination von Drehen und Strecken.
Durch Drehen und Beugen in die Gegenrichtung gelangt man in einem spiraligen
Bewegungsmuster von der Bauchlage ins Sitzen.
usw.
Durch den fortgesetzten Wechsel zwischen diesen beiden Mustern (Drehen und
Strecken sowie Drehen und Beugen) kommt man jeweils in die nächsthöhere
Position. Selbstverständlich führt dieser Weg durch die Positionen analog vom
Stehen zum Liegen.


Fallen
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52-detail-fortbew-springen2.jpg
Die Gewichtsverlagerung geschieht in der Luft.


Fallen zeichnet sich dadurch aus, dass eine oder mehrere Massen ihr Gewicht nicht
über andere Massen oder auf eine Unterstützungsfläche abgeben, sondern unter
dem Einfluss der Schwerkraft durch die Luft fallen.
Täglich erleben wir kleine Fallbewegungen, wenn wir z. B. stolpern oder den Arm
fallen lassen. Meistens können wir uns dabei auffangen und das Gewicht unserer
Massen wieder kontrolliert abgeben. Dies gelingt uns umso einfacher, je besser wir
gelernt haben, unsere Bewegungsmuster vielfältig und mit wenig Anstrengung auf
dem Weg vom Liegen zum Stehen und umgekehrt anzupassen.
Die Kompetenz, sich von tieferen zu höheren Positionen und umgekehrt
fortbewegen zu können, ist eine Voraussetzung dafür, dass man kompetent fallen
und sich auffangen kann, d. h., ohne dabei zu stürzen oder sich zu verletzen. Es ist
beobachtbar, dass Kinder, die sehr häufig zwischen allen Grundpositionen hin- und
herwechseln, sich beim Fallen oder beim Stürzen seltener verletzen als erwachsene
Menschen, die dies nicht mehr so oft machen.“


Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2020): Kinaesthetics. Konzeptsystem. Linz, Winterthur: Verlag European Kinaesthetics Association. ISBN 978-3-903180-00-0. S. 47 ff.

2 Ausgewählte Literatur und Medien

  • Asmussen-Clausen, Maren (2009): Praxisbuch Kinaesthetics. Erfahrungen zur individuellen Bewegungsunterstützung auf Basis der Kinästhetik. 2. Auflage. München, Jena: Elsevier, Urban und Fischer. ISBN 978-3-437-27570-8. S. 52 ff.
  • Hatch, Frank; Maietta, Lenny (2003): Kinästhetik. Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten. Übersetzung: Ute Villwock, Elisabeth Brock. 2., komplett überarbeitete Auflage. München, Jena: Urban und Fischer. ISBN 978-3-437-31467-4. S. 60 ff., 107 ff., 119 ff.
  • Maietta, Lenny; Hatch, Frank (2011): Kinaesthetics Infant Handling. Originalmanuskript aus dem Amerikanischen von Ute Villwock. 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage. Bern [u. a.]: Hans Huber. ISBN 978-3-456-84987-4. S. 125 ff.

3 Vergleiche auch