Projekt Konzeptsystembuch 18: 5.1. Einfache Funktion: Positionen und Grundpositionen

Status mit Fachliteratur angelegt
AutorIn/RedakteurIn N. N./Joachim Reif
Letzte Änderung 18.08.2020


Hinweis:
Dieser Artikel wird im Rahmen des Projektes „Konzeptsystembuch-Umfrage“ des Ressourcenpools Curriculum und Forschung der European Kinaesthetics Association (EKA) veröffentlicht. Die Absicht ist, dass zum untenstehenden Zitat auf der zugehörigen Diskussionsseite Projekt Konzeptsystembuch 18: 5.1. Einfache Funktion: Positionen und Grundpositionen offene Fragen, unterschiedliche Verständnisse, Weiterentwicklungsbedarf usw. umfassend gesammelt und diskutiert werden. Diese offene Umfrage bzw. Diskussion dauert ein Jahr. Deshalb ist dieser Artikel in dieser Form nur bis August 2021 im KOFL sichtbar.

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1 „5.1. Einfache Funktion: Positionen und Grundpositionen

Positionen
Viele Menschen gehen davon aus, dass eine Position wie z. B. Sitzen oder Liegen
etwas Unbewegtes, Passives ist. Kinaesthetics hingegen beschreibt mit „Position“
die Tatsache, dass Menschen ununterbrochen die Stellung ihrer Massen zueinander
und die Gewichtsabgabe in der Schwerkraft organisieren müssen. Menschen
verweilen nicht passiv in einer Position, sondern sind ständig aktiv damit beschäftigt,
sich zu positionieren, d. h. Anpassungen zu machen. Das meint, dass sie das Gewicht
jeder einzelnen Masse fortlaufend so organisieren müssen, dass sie es direkt oder
indirekt auf eine Unterstützungsfläche abgeben können. Dies geht damit einher, dass
sie kontinuierlich ihre Muskelspannung regulieren.
Weil der Mensch über beliebig viele Möglichkeiten verfügt, in einem bestimmten
Spielraum eine Masse mit einer anderen in Beziehung setzen, ergeben sich für ihn
unendlich viele verschiedene Möglichkeiten, sich zu positionieren.
Beim Thema „Position“ geht es darum, dieses ständige aktive Spiel in der
Schwerkraft zu beobachten und zu verstehen. Das Verständnis dafür ist deshalb sehr
wichtig, weil die Qualität, wie man sich positioniert, einen großen Einfluss auf den
lebenslangen Entwicklungs- und Gesundheitsprozess hat.
Grundpositionen
Kinaesthetics verwendet das Modell der sieben Grundpositionen, um die Vielfalt der
Positionen, die ein Mensch einnehmen kann, zu bearbeiten. Dieses Modell entstand
aus der jahrzehntelangen Erforschung der spiraligen Fortbewegung vom Liegen ins
Stehen. Wegleitend für die Bewegungserfahrungen und Analysen dieser Forschung
waren die folgenden Fragen: Durch welche grundlegenden Positionen in Bezug auf
die Gewichtsorganisation führt dieser Weg? Mit welchen Blickwinkeln lassen sich ihre
unterschiedlichen Eigenschaften beschreiben? Daraus kristallisierten sich sieben
Grundpositionen und die Beschreibung ihrer stufenweise anspruchsvolleren
Organisation des Körpergewichts in der Schwerkraft heraus.
Das Modell hilft in der Komplexität der Vielzahl von möglichen Positionen, sich
sozusagen mit einer Landkarte zu orientieren. Es ermöglicht ebenso, grundlegende
Aspekte der menschlichen Bewegungskompetenz und ihrer Entwicklung differenziert
zu untersuchen, zu beschreiben und zu bearbeiten.
Die Unterschiede der Gewichtsorganisation in den Grundpositionen können mit
verschiedenen Konzeptblickwinkeln sehr genau beschrieben werden. Diese
Beschreibungen sind jedoch modellhaft und dürfen nicht mit der individuell
erfahrbaren Wirklichkeit in den Grundpositionen verwechselt werden. Es handelt sich
also nicht um Anleitungen, wie die einzelnen Grundpositionen in der Realität richtig
oder optimal eingenommen werden sollen.
Die unten folgenden Beschreibungen der einzelnen Grundpositionen
berücksichtigen drei Blickwinkel, um die zunehmend anspruchsvollere
Gewichtsorganisation zu beleuchten:
Gewichtsabgabe: Das Gewicht der einzelnen Massen wird in jeder Position direkt
oder indirekt auf die Unterstützungsfläche abgegeben. Ausgehend von der
Rückenlage, ist in den höheren Grundpositionen eine Zunahme der indirekten
Gewichtsabgabe bzw. der diesbezüglichen Komplexität beobachtbar.
Zwischenräume: Die Zwischenräume bieten den Bewegungsspielraum, damit die
fortlaufenden Anpassungen, die in jeder Position nötig sind, geleistet werden
können. Zugleich leiten sie je nach Position Gewicht zur nächsten Masse weiter.
Das Zusammenspiel dieser beiden Funktionen wird umso anspruchsvoller und
komplexer, je höher die Grundposition ist.
Vorder- und Rückseiten: Das Zusammenspiel der Vorder- und Rückseiten
unterstützt in jeder Position fortlaufend die Gewichtsorganisation des gesamten
Körpers. In den Grundpositionen spielen dabei die Extremitäten in zunehmendem
Maß eine wichtige Rolle. Sie geben das Körpergewicht immer peripherer (in
Richtung Hände und Füße) auf die Unterstützungsfläche ab. Dadurch wird das
Zusammenspiel immer differenzierter und anspruchsvoller.
Die folgende Tabelle beschreibt mit diesen Kriterien die Gewichtsorganisation in
den sieben Grundpositionen des Modells.
Grundpositionen01.jpg
Rückenlage
Das Gewicht jeder einzelnen Masse wird über ihre
Rückseite bzw. über Körperstellen mit
Rückseiten-Qualitäten direkt auf die
Unterstützungsfläche abgegeben. Kein Zwischenraum
muss Gewicht von einer Masse zu einer nächsten
weiterleiten. Alle Zwischenräume sind in diesem Sinn frei
beweglich.
Grundpositionen02.jpg
Bauchlage mit Ellbogenstütz
Das Gewicht von Kopf und Brustkorb wird überwiegend
über die Rückseite der Arme (Ellbogen) indirekt auf die
Unterstützungsfläche abgegeben. Die Arme geben ihr
Gewicht direkt ab. Ein Teil des Gewichts von Kopf und
Brustkorb und ein Teil des Gewichts des Beckens
werden indirekt über die Rückseite der Beine
abgegeben. Die Beine geben ihr Gewicht direkt ab. Der
Zwischenraum zwischen Kopf und Brustkorb leitet das
Gewicht des Kopfs zum Brustkorb weiter. Der
Zwischenraum zwischen Brustkorb und Becken bzw. die
Zwischenräume zwischen dem Becken und den Beinen
leiten einen Teil des Gewichts von Kopf und Brustkorb
bzw. einen Teil des Gewichts des Beckens zu den Beinen
weiter. Die Zwischenräume zwischen dem Brustkorb und
den Armen leiten den überwiegenden Teil des Gewichts
von Kopf und Brustkorb zu den Armen weiter. Die
Unterarme und Handflächen unterstützen durch das
Zusammenspiel ihrer Vorder- und Rückseiten-Qualitäten
die nötigen fortlaufenden Anpassungen der
Gewichtsorganisation.
Grundpositionen03.jpg
Schneidersitz
Das Gewicht der zentralen Massen wird überwiegend
über die Rückseite des Beckens (Sitzbeine) indirekt auf
die Unterstützungsfläche abgegeben. Das Becken gibt
sein Gewicht direkt ab. Das Gewicht der Arme wird
überwiegend über die Handflächen direkt auf die
Unterstützungsfläche abgegeben. Das Gewicht der
Beine wird überwiegend über die Füße direkt
abgegeben. Die Zwischenräume zwischen den zentralen
Massen leiten überwiegend das Gewicht des Kopfs bzw.
von Kopf und Brustkorb zum Becken weiter. Die
Zwischenräume zwischen den Extremitäten und den
zentralen Massen leiten kaum Gewicht weiter. Die
Handflächen unterstützen durch das Zusammenspiel
ihrer Vorder- und Rückseiten-Qualitäten die nötigen
fortlaufenden Anpassungen der Gewichtsorganisation.
Grundpositionen04.jpg
Hand-Knie-Stand
Das Gewicht der zentralen Massen wird über die
Handflächen und über die Rückseite der Beine (Knie)
indirekt auf die Unterstützungsfläche abgegeben. Die
Arme und Beine geben ihr Gewicht direkt ab. Der
Zwischenraum zwischen Kopf und Brustkorb leitet das
Gewicht des Kopfs zum Brustkorb weiter. Der
Zwischenraum zwischen Brustkorb und Becken leitet
kaum Gewicht weiter. Die Zwischenräume zwischen den
Extremitäten und den zentralen Massen leiten das
Gewicht der zentralen Massen zu den Extremitäten
weiter. Die Handflächen unterstützen durch das
Zusammenspiel ihrer Vorder- und Rückseiten-Qualitäten
die nötigen fortlaufenden Anpassungen der
Gewichtsorganisation.
Grundpositionen05.jpg
Einbein-Knie-Stand
Das Gewicht der zentralen Massen und der Arme wird
überwiegend über die Rückseite des belasteten Beins
(Knie) indirekt auf die Unterstützungsfläche abgegeben.
Das belastete Bein gibt sein Gewicht direkt ab. Das
Gewicht des anderen Beins wird überwiegend über die
Fußsohle direkt abgegeben. Die Zwischenräume
zwischen den zentralen Massen leiten das Gewicht des
Kopfs bzw. von Kopf, Brustkorb und Armen zum Becken
weiter. Die Zwischenräume zwischen den Armen und
dem Brustkorb leiten das Gewicht der Arme zum
Brustkorb weiter. Der Zwischenraum zwischen Becken
und belastetem Bein leitet überwiegend das Gewicht der
zentralen Massen und der Arme zum belasteten Bein
weiter. Der Zwischenraum zwischen dem anderen Bein
und dem Becken leitet kaum Gewicht weiter. Die
Fußsohle des kaum belasteten Beins unterstützt durch
das Zusammenspiel ihrer Vorder- und
Rückseiten-Qualitäten die nötigen fortlaufenden
Anpassungen der Gewichtsorganisation.
Grundpositionen06.jpg
Einbeinstand
Das Gewicht der zentralen Massen und der Arme wird
überwiegend über die Fußsohle des belasteten Beins
indirekt auf die Unterstützungsfläche abgegeben. Das
belastete Bein gibt sein Gewicht direkt ab. Das Gewicht
des anderen Beins wird überwiegend über den vorderen
Teil der Fußsohle direkt abgegeben. Für die
Zwischenräume ändert sich die Situation im Vergleich
zum Einbein-Knie-Stand nicht grundlegend. Die
Fußsohle des belasteten Beins und der vordere Teil der
Fußsohle des kaum belasteten Beins unterstützen durch
das Zusammenspiel ihrer Vorder- und
Rückseiten-Qualitäten die nötigen fortlaufenden
Anpassungen der Gewichtsorganisation.
Grundpositionen07.jpg
Zweibeinstand
Das Gewicht der zentralen Massen und der Arme wird
gleichmäßig über die Fußsohlen beider Beine indirekt
auf die Unterstützungsfläche abgegeben. Beide Beine
geben ihr Gewicht direkt ab. Die Zwischenräume
zwischen dem Becken und den Beinen leiten in gleichem
Maß das Gewicht der zentralen Massen und der Arme zu
den Beinen. Für die anderen Zwischenräume ändert sich
die Situation im Vergleich zum Einbeinstand nicht
grundlegend. Die Fußsohlen beider Beine unterstützen
durch das Zusammenspiel ihrer Vorder- und
Rückseiten-Qualitäten die nötigen fortlaufenden
Anpassungen der Gewichtsorganisation.“

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2020): Kinaesthetics. Konzeptsystem. Linz, Winterthur: Verlag European Kinaesthetics Association. ISBN 978-3-903180-00-0. S. 42 ff.

2 Ausgewählte Literatur und Medien

  • Asmussen-Clausen, Maren (2009): Praxisbuch Kinaesthetics. Erfahrungen zur individuellen Bewegungsunterstützung auf Basis der Kinästhetik. 2. Auflage. München, Jena: Elsevier, Urban und Fischer. ISBN 978-3-437-27570-8. S. 50 ff.
  • Hatch, Frank; Maietta, Lenny (2003): Kinästhetik. Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten. Übersetzung: Ute Villwock, Elisabeth Brock. 2., komplett überarbeitete Auflage. München, Jena: Urban und Fischer. ISBN 978-3-437-31467-4. S. 58 ff., 92 ff.
  • Maietta, Lenny; Hatch, Frank (2011): Kinaesthetics Infant Handling. Originalmanuskript aus dem Amerikanischen von Ute Villwock. 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage. Bern [u. a.]: Hans Huber. ISBN 978-3-456-84987-4. S. 114 ff.

3 Vergleiche auch