Massen und Zwischenräume

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AutorIn/RedakteurIn Stefan Marty-Teuber/Sabine Kaserer
Letzte Änderung 08.11.2022


Zusammenfassung:
Dieser Artikel behandelt die aktuelle Verwendung des kinästhetischen Fachbegriffes „Massen und Zwischenräume“ in ausgewählter Fachliteratur. Ebenso wird die Geschichte des Fachbegriffes anhand des 16. Kinästhetik-Bulletins von 1990 dargestellt. Ein Kommentar beleuchtet das sehr einheitliche Verständnis neben kleinen begrifflichen Unterschieden in der Bezeichnung der Zwischenräume. Abschließend werden die begrifflichen Aspekte des Themas bzw. des Fachbegriffs dargestellt.

1 Aktuelle Verwendung des Begriffs

1.1 „Massen und Zwischenräume“ in „Kinaesthetics – Konzeptsystem“

1.1.1 Die Einbettung von „Massen und Zwischenräume“ im Konzept „Funktionale Anatomie“

Im Buch „Kinaesthetics – Konzeptsystem“ bezeichnet die Unterscheidung von Massen und Zwischenräumen nach dem ersten Unterthema „Knochen und Muskeln“ das zweite Unterthema des zweiten Konzepts „Funktionale Anatomie“. Einerseits ist sie also eine weitere Ausprägung des subjektiv erfahrbaren Grundmusters, das in einem funktionalen Zusammenspiel von stabilen und instabilen Eigenschaften des Körpers besteht. Andererseits gilt auch hier, dass die Form die Funktion und umgekehrt die Funktion die Form beeinflusst. Die Struktur der Massen und Zwischenräume beeinflusst die menschlichen Bewegungsmöglichkeiten in alltäglichen Aktivitäten und umgekehrt beeinflussen die lebenslangen Bewegungsgewohnheiten und die Art und Weise, wie wir die Massen und Zwischenräume im Alltag nutzen, ihre Struktur[1].

Die Unterscheidung zwischen Massen und Zwischenräumen dient in Bewegungserfahrungen als Blickwinkel zur Sensibilisierung der Bewegungswahrnehmung.

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1.1.2 Die Massen und ihre Eigenschaften und Funktionen

Als Massen werden das Becken, der Brustkorb, der Kopf, die Arme und die Beine bezeichnet. Sie besitzen die gemeinsame Eigenschaft, dass sie knöcherne, harte und recht stabile Strukturen des Körpers bilden und das eigene Körpergewicht erfahren lassen.

Becken, Brustkorb und Kopf werden als zentrale Massen benannt. Sie werden durch die gemeinsamen Eigenschaften verbunden, dass ihre Knochenstrukturen kompakt, sehr stabil, eher rund sind und dadurch Hohlräume bilden, die lebenswichtige Organe schützen.

Arme und Beine (die Extremitäten) sind durch die gemeinsamen Eigenschaften verbunden, dass sie in sich beweglich und länglich sind und dadurch über eine große Reichweite verfügen[2]. Im Unterthema „Orientierung“ wird die Eigenschaft nachgetragen, dass sie symmetrisch angeordnet und je seitlich mit den zentralen Massen des Brustkorbs bzw. des Beckens verbunden sind[3].

Die Funktion der Massen besteht darin, das eigene Gewicht und dasjenige anderer Massen zu tragen oder es auf Unterstützungsflächen weiterzuleiten[4].

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1.1.3 Die Zwischenräume und ihre Eigenschaften und Funktionen

Grundsätzlich sind die Zwischenräume die Körperstellen zwischen den Massen. Als Zwischenräume werden Hals, Taille, Achselhöhlen und Leisten bezeichnet. Sie werden durch die gemeinsamen Eigenschaften verbunden, dass sie instabile Körperbereiche bilden und in ihnen (im entspannten Zustand) mehr weiche Muskeln spürbar sind. Sie lassen sich als gegensätzlich zu den Massen erfahren.

Die Funktion der Zwischenräume besteht darin, dass sie die Beziehung zwischen den Massen herstellen und verändern können. Sie ermöglichen die Interaktion zwischen den Massen. Dank ihnen kann das Gewicht der Massen in verschiedenste Richtungen bewegt werden[5]. Im Unterthema „Haltungsbewegungsebenen und Transportbewegungsebenen“ wird dies so wieder aufgenommen, dass sie als Transportbewegungsebenen kugelgelenkartige oder dreidimensionale Bewegungen in viele Richtungen und eine große Vielfalt von Beziehungen zwischen benachbarten Massen ermöglichen[6].

1.1.4 Die Funktion der Extremitäten bei der Gewichtsorganisation der zentralen Massen

Eine wichtige Funktion übernehmen die Extremitäten bei der Organisation des Körpergewichts in der Schwerkraft. Sie wird im Unterthema „Orientierung“ unter dem Kapitel „Oben und unten“ genauer beschrieben[7].

Als Charakteristik der menschlichen Anatomie im Ganzen, genauer der Anordnung der der Extremitäten bezüglich der zentralen Massen, wird darauf verwiesen, dass sie symmetrisch angeordnet und seitlich je mit einer zentralen Masse verbunden sind. Aus dieser Perspektive können die Ohren nach den Beinen und Armen sozusagen als drittes Extremitätenpaar bezüglich des Kopfes betrachtet werden.

Aus dem Blickwinkel der funktionalen Anatomie zeigt sich die Funktion dieser Anordnung darin, dass Extremitäten je die Bewegung der zugehörigen Massen bei der Gewichtsorganisation unterstützen, d. h. bei der Abgabe und Verlagerung des Körpergewichts.

Einzeln unterstützen die Beine die Bewegung des Beckens. Sie dient dazu, z. B. im Stehen oder Gehen das Gewicht des Beckens und der Massen Brustkorb, Kopf und Arme über den Zwischenraum der Leisten auf die Beine weiterzuleiten. Im Sitzen und in anderen Positionen oder bei der Fortbewegung in diesen Positionen unterstützen die Beine das Becken darin, das eigene Gewicht und das der anderen Massen passend auf eine Unterstützungsfläche abzugeben bzw. es zu verlagern.

In einem entsprechenden Muster unterstützen die Arme über den Zwischenraum der Achselhöhlen die Bewegung des Brustkorbs, um z. B. im Stehen oder Gehen dessen Gewicht und das Gewicht des Kopfes und der Arme über den Zwischenraum der Taille auf das Becken weiterzuleiten. Ebenso können die Arme genutzt werden, um das Gewicht des Brustkorbes, des Kopfes und der Arme passend auf eine Unterstützungsfläche abzugeben bzw. es zu verlagern.

Textlich wird angemerkt, dass die Ohren eine entsprechende Funktion bezüglich des Kopfes erfüllen, die sich allerdings innerhalb dieser Masse abspielt. Die Bewegungen, die im Gleichgewichtsorgan des Innenohres stattfinden, unterstützen die Gewichtsorganisation des Kopfes, d. h. die Art und Weise, wie er sein Gewicht über den Zwischenraum des Halses auf den Brustkorb weiterleitet oder auf eine Unterstützungsfläche abgibt.

1.1.5 Eigenschaften und Funktionen der Vorder- und Rückseiten der Massen

Wie erwähnt übernehmen die Massen bei der Gewichtsabgabe und -verlagerung eine wichtige Funktion. Sie wird im Unterthema „Orientierung“ unter dem Kapitel „Vorne und hinten: Vorderseiten und Rückseiten“ genauer beschrieben[8]. Dabei wird die Grundeigenschaft der Massen (kompakt, stabil usw.; vgl. oben) dadurch genauer spezifiziert, dass zwischen Vorder- und Rückseiten unterschieden wird.

Diese Unterscheidung ist gängig und in Bewegungserfahrungen subjektiv erfahrbar. Sie ist eine weitere Ausprägung des subjektiv erfahrbaren Grundmusters, das in einem funktionalen Zusammenspiel von stabilen und instabilen Eigenschaften des Körpers besteht.

Bei den zentralen Massen Kopf, Brustkorb und Becken stimmen die gängigen Bezeichnungen der Vorder- und Rückseiten mit ihren erfahrbaren Aspekten überein. So wird der Hinterkopf gemeinhin als Rückseite des Kopfes bezeichnet. Bei ihm sind besonders gut größere harte, knochige und stabile Flächen erfahrbar, auf denen man das Gewicht des Kopfes verlagern kann, indem man ihn rollt. Die Vorderseite des Gesichts ist im Vergleich als weicher, instabiler und anpassungsfähiger erfahrbar. Grundsätzlich weisen Rückseiten weniger Muskeln und insbesondere Streckmuskeln auf, Vorderseiten mehr Muskeln und insbesondere Beugemuskeln.

Bei den Extremitäten weicht das gängige Verständnis von vorne und hinten z. T. von der subjektiv wahrnehmbaren Erfahrung ab. Besonders gut nachvollziehbar ist dies bei den Ober- und Unterschenkeln, bei denen vorne (nach der Gesichtsrichtung) größere harte Flächen erfahrbar sind. Gegen die gängige Vorstellung bilden sie aus der funktionalen Perspektive Rückseiten; entsprechend sind die gegenüberliegenden Seiten als weicher, instabiler und anpassungsfähiger erfahrbar. Im Ganzen ist bei den Extremitäten eine spiralige Anordnung der Vorder- und Rückseiten erfahrbar.

Aus dem Blickwinkel der funktionalen Anatomie zeigt sich die Funktion der Vorder- und Rückseiten darin, dass Rückseiten sich dazu eignen, Gewicht auf eine Unterstützungsfläche abzugeben und es zu verlagern, Vorderseiten hingegen dazu, Anpassungen der Gewichtsabgabe leisten und Gewicht auf die Rückseiten zu bringen.

1.1.6 Die Bedeutung der Massen und Zwischenräume in weiteren Konzepten

Die Unterscheidung zwischen Massen und Zwischenräumen bleibt ein wichtiger Referenzpunkt im dritten, vierten und fünften Konzept des Konzeptsystems. So bezieht sich das erste Unterthema „Haltungs- und Transportbewegung“ [9] des dritten Konzepts „Menschliche Bewegung“ insbesondere darauf, dass die über die Zwischenräume und über kleine Bewegungen in den Massen die Beziehung zwischen den Massen verändert (Transportbewegung) bzw. stabilisiert (Haltungsbewegung) werden kann. Desgleichen wird festgehalten, dass die Massen und Zwischenräume eine anatomische Grundlage dieser Bewegungskomponenten bilden.

Das zweite Unterthema „Parallele und spiralige Bewegungsmuster“ [10] des dritten Konzepts baut auf dem vorausgehenden Unterthema und somit in gleicher Weise auf der Unterscheidung zwischen Massen und Zwischenräumen auf. Ein spiraliges Bewegungsmuster zeigt sich darin, dass bei der Bewegung des Gewichts jeder einzelnen Masse die zugehörigen Spielräume der Zwischenräume so genutzt werden, dass ein spiraliges Gesamtmuster entsteht.

Im vierten Konzept „Anstrengung“ wird das Unterthema „Ziehen und Drücken“ auch dadurch illustriert, dass man die Qualität der Anstrengung so gestalten kann, dass benachbarte Massen sich auseinanderbewegen oder annähern[11].

Auch im fünften Konzept „Menschliche Funktion“ sind z. B. die Gewichtsabgabe der Massen und die Nutzung der Zwischenräume ein Kriterium, um die Grundpositionen zu beschreiben und voneinander zu unterscheiden[12].

1.2 „Massen und Zwischenräume “ in „Kinästhetik – Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten“

1.2.1 Einbettung und Eigenschaften der Massen und Zwischenräume

Im Buch „Kinästhetik – Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten“ von Hatch und Maietta wird das Konzeptsystem der Kinästhetik im dritten Kapitel „Kinästhetik in der professionellen Pflege“ [13] dargestellt. Die Unterscheidung von „Massen und Zwischenräumen“[14] bezeichnet nach dem ersten Unterthema „Knochen und Muskeln“ das zweite Unterthema des zweiten „Konzepts der Funktionalen Anatomie“. Unterschieden werden sieben Massen, wo sich die Knochen in mehreren stabilen Gruppen konzentrieren, und sechs Zwischenräume als weiche Bereiche, wo mehr Muskeln angeordnet sind.

1.2.2 Die Massen und ihre Funktionen

Als Massen werden das Becken, der Brustkorb, der Kopf, die zwei Arme und die zwei Beine bezeichnet, sie bilden den Hauptanteil des Körpergewichts. Die Funktion der Massen besteht in der Kontaktaufnahme mit der Umgebung und darin, dass sie genutzt werden können, um sie einzeln, im Gleichgewicht miteinander und sozusagen schwerelos innerhalb der Grenzen der dazwischen liegenden Zwischenräume zu bewegen oder miteinander zu verstreben, wodurch sie unbeweglich werden.

1.2.3 Die Zwischenräume und Funktionen

Als Zwischenräume werden Hals, Taille, die zwei Hüftgelenke und der Bereich der beiden Schultergelenke bezeichnet.

Die Funktion der Zwischenräume besteht darin, die „Massen einzeln und nacheinander zu bewegen“[15]. Wenn sie durch Muskelanspannung oder helfende Hände blockiert werden, ist die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt und eine erhöhte Anstrengung verlangt. Dabei fällt im Pflegekontext das Gewicht von PatientInnen auf die Pflegenden statt auf eine Unterstützungsfläche. Empfohlen wird deshalb der Körperkontakt über die Massen, der es ermöglicht, dass jede Masse sich einzeln bewegt, ihr Gewicht in einem dynamischen Gleichgewicht bleibt und ungehindert auf Unterstützungsflächen abgegeben werden kann.

1.2.4 Die Bedeutung der Massen und Zwischenräume in weiteren Konzepten

Die Unterscheidung zwischen Massen und Zwischenräumen bleibt ein wichtiger Referenzpunkt in den folgenden Konzepten. Im Unterthema „Haltungsbewegungsebenen und Transportbewegungsebenen“ [16] des dritten „Konzepts der Menschlichen Bewegung“ wird z. B. darauf verwiesen, dass im Kontext der Massen und Zwischenräume die entsprechenden Bewegungen am einfachsten erfahrbar sind und die stabilen Massen mit Haltungsbewegungen verbunden sind, die instabilen Zwischenräume hingegen mit Transportbewegungen.

2 Begriffsgeschichte

2.1 „Massen und Zwischenräume“ im 16. Kinästhetik-Bulletin von 1990

2.1.1 Einleitung

In dieser ersten zusammenhängenden Veröffentlichung zur Kinästhetik aus dem Jahr 1990 werden im Kapitel 4 „Grundprinzipien“[17] die Themen aufgeführt, die später als Konzepte benannt wurden – allerdings z. T. in einer anderen Reihenfolge und mit anderen Bezeichnungen.

2.1.2 Einbettung und allgemeine Beschreibung

Im vierten Kapitel „Anatomische Grundlagen“ kommen nach dem ersten Unterthema „Bewegungsapparat: Beziehung zwischen Muskeln und Skelett“ die „Massen und Zwischenräume“ [18] als zweites Unterthema. Es steht vor dem Unterthema „Haltungs- und Transportbewegung“, das dieses Kapitel abschließt. Unterschieden werden sieben Massen, die durch die Zwischenräume locker verbunden werden: Kopf und Brustkorb durch die Halswirbelsäule, Brustkorb und Becken durch Lendenwirbelsäule, Arme und Becken durch die Schultergürtel sowie Beine und Becken durch die Hüftgelenke.

Abbildung zur Illustration der Massen und Zwischenräume aus dem 16. Kinästhetik-Bulletin (1990)[19]

2.1.3 Die Eigenschaften der Massen und ihre Funktionen

Die Massen werden als relativ stabil „im Vergleich zu den verbindenden Zonen dazwischen“[20] bezeichnet. Unterschieden wird zwischen den zentralen Massen mit ihren soliden und ziemlich runden Eigenschaften und den Extremitäten mit ihren um die Längsachse runden Eigenschaften. Letztere werden als „ziemlich solide in ihrer Mitte (Ellbogen und Knie)“[21] beschrieben. Die Funktion der Massen besteht darin, Gewicht zu tragen und als Kontaktstellen eine Beziehung mit der Umgebung aufzunehmen. Sie gelten in der Bewegungsinteraktion als „Referenz und Anfasspunkt für aktive und passive Bewegung“[22].

2.1.4 Die Eigenschaften der Zwischenräume und ihre Funktionen

Die Zwischenräume werden als beweglich, weich und deshalb schwierig anzufassen bezeichnet.

Die Funktion der Zwischenräume wird dadurch illustriert, dass in der Bewegungsinteraktion das Fassen in einen Zwischenraum ihn selbst und die durch ihn verbundenen Massen „zu einem Block“[23] werden lassen und die Bewegung im Zwischenraum unmöglich wird. Deshalb gilt es für die Führung und Unterstützung der Bewegung eines anderen Menschen meistens, nicht die Zwischenräume, sondern die Massen anzufassen gemäß dem der Fettdruck hervorgehobenen Motto „Massen fassen – Zwischenräume spielen lassen“[24].

2.2 Kommentare, Auswertung und offene Fragen

Die Unterscheidung von Massen und Zwischenräumen zur Sensibilisierung der Bewegungswahrnehmung scheint nicht nur seit den Anfängen der Kinästhetik eine grundlegende Rolle gespielt zu haben, sondern ist auch inhaltlich sehr stabil: Das Verständnis dieser Unterscheidung hat keinen grundsätzlichen Wandel erlebt.

Einzig die Bezeichnungen der Zwischenräume zwischen den zentralen Massen und den Extremitäten sind schwankend. Die folgende Tabelle verdeutlicht dies anhand der vorausgehend besprochenen Fachbücher.

Bezeichnungen der Zwischenräume im Vergleich
16. Bulletin (1990) Kinästhetik – Gesundheitsentwicklung ... Kinaesthetics – Konzeptsystem
Halswirbelsäule („verbindet Kopf und Brustkorb“[25] ) Hals Hals
Lendenwirbelsäule („verbindet Brustkorb uns Becken“[26] ) Taille Taille
Schultergürtel Schultergelenke Achselhöhlen
Hüftgelenke („bilden die Verbindung zwischen ...“[27] ) Hüftgelenke Leisten

Übereinstimmend ist die allgemeine Definition der Zwischenräume in ihrem Wortsinn als die Körperbereiche, die zwischen den Massen liegen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sinnvoll es in theoretischer Hinsicht ist bzw. wie relevant für die subjektive Erfahrbarkeit, die Zwischenräume mit spezifischen Körperstellen zu bezeichnen.

Der in Bewegungserfahrungen gerne verwendet Hinweis, dass Massen in gewissen Grenzen einzeln beweglich sind, scheint in „Kinästhetik. Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten“ auf und wird im „Kinaesthetics Konzeptsystem“ nicht gemacht. Da in diesem Buch die Ebene der praktischen Anwendung durchgängig nicht berücksichtigt wird, fehlt auch der Hinweis darauf, dass in der Bewegungsinteraktion der Körperkontakt über die Massen nicht die blockierende Wirkung eines Kontaktes über die Zwischenräume hat.

3 Erfahrungsberichte

4 Weiterführende Literatur

  • Maietta, Lenny; Hatch, Frank (2011): Kinaesthetics Infant Handling. Originalmanuskript aus dem Amerikanischen von Ute Villwock. 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage. Bern [u. a.]: Hans Huber. ISBN 978-3-456-84987-4. S. 89–93: „Massen und Zwischenräume“ mit den Unterkapiteln „Gewicht der Massen“ (S. 90) und „Volumen versus Oberfläche“ (S. 93).
  • Asmussen-Clausen, Maren (2009): Praxisbuch Kinaesthetics. Erfahrungen zur individuellen Bewegungsunterstützung auf Basis der Kinästhetik. 2. Auflage. München, Jena: Elsevier, Urban und Fischer. ISBN 978-3-437-27570-8. S. 35–38: „Massen und Zwischenräume“.
  • Hatch, Frank; Maietta, Lenny; Schmidt, Suzanne (1996): Kinästhetik. Interaktion durch Berührung und Bewegung in der Pflege. Übersetzung: Ina Citron. 4. Auflage. Eschborn: Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe. ISBN 3-927944-02-5. S. 42–49: „Massen und Zwischenräume“.

5 Vergleiche auch

Knochen und Muskeln
Stabil und instabil
Orientierung

6 Zum Begriff

6.1 Bedeutungsüberblick

6.1.1 Die Bedeutungen der Begriffe nach dem „Duden Online-Wörterbuch“

Nach dem Duden Online-Wörterbuch hat Massen folgende Bedeutungen:
Die Erstbedeutung lautet „ungeformter, meist breiiger Stoff; unstrukturierte, meist weiche Materie“, die Zweitbedeutung „große Anzahl, Menge“. Neben zwei weiteren Bedeutungen wird als fünfte Bedeutung im Kontext der Physik „Eigenschaft der Materie (1b), die Ursache und Maß der Trägheit eines Körpers und dessen Fähigkeit ist, durch Gravitation einen anderen Körper anzuziehen oder von ihm angezogen zu werden“ angegeben.

Als Synonyme angeführt werden „Material, Materie, Stoff, Substanz“.

Nach dem Duden Online-Wörterbuch hat Zwischenraum folgende Bedeutungen:
Die Erstbedeutung lautet „freier Raum besonders zwischen zwei Dingen (der Spielraum zwischen etwas bzw. Lücke in einem eigentlich zusammenhängenden Ganzen sein kann)“, die Zweitbedeutung „zeitlicher Abstand, der zwischen Vorgängen, Tätigkeiten o. Ä. liegt“.

Als Synonyme angeführt werden „Entfernung, Lücke, Raum, [räumlicher] Abstand“.


6.1.2 Die Verwendung als kinästhetischer Fachbegriff

In den uns zugänglichen Quellen taucht die Fügung „Massen und Zwischenräume“ als Fachbegriff zum ersten Mal im 16. Kinästhetik-Bulletin von 1990 auf (vgl. oben). Das 10. Kinästhetik-Bulletin von 1986 enthält den Beitrag „Kinästhetik“ von Lenny Maietta und Frank Hatch[28]. In diesem findet man den Begriff „Masse“ im physikalischen Sinn der Materie, textlich der körperlichen Form oder der Körperteile, die einen der drei grundlegenden Bestandteile eines selbstkontrollierten Systems bilden:

„BESTANDTEILE DES SYSTEMS: Die System-Theorie lehrt uns, dass alle selbstkontrollierten Systeme drei unterscheidbare Teile haben müssen: eine Masse, einen Motor und ein Führungssystem. Im Menschen ist die Masse die körperliche Form, der Motor ist das Muskelsystem, welches die Positionsveränderung der einzelnen Teile ermöglicht. Die Führung findet durch das Zentrale Nervensystem statt. Diese drei Teile sind vollkommen abhängig voneinander. Liefern die Muskeln z.B. mehr Kraft als die Körperteile (Masse) brauchen, um dorthin zu gelangen, wo sie benötigt werden, und das Zentrale Nervensystem die falsche Information über die Beziehung der Teile untereinander, wird eine geschmälerte Ausführung oder sogar ein frühzeitiger Systemzusammenbruch die Folge sein.“[29]

Im 15. Kinästhetik-Bulletin von 1988 findet man den Begriff „Masse“ im Sinn des heute gängigen Fachbegriffs. Die im Folgenden zitierte Stelle stammt aus dem Beitrag „Diagonalen“ von Rosmarie Suter[30]:

„Halte ich hingegen das Knie auf gleicher Seite, so entsteht eine asymmetrische Verbindung zwischen Brustkorb und Beckengürtel, welche ein Verlängern bzw. Verkürzen der diagonalen Verbindung zwischen Brustkorb und Becken zulässt. Dies erlaubt eine Drehbewegung zwischen den Massen. So können sie einander in fortlaufender Art und Weise folgen, und es entsteht eine natürliche, leichte Bewegung. Diese Erfahrung hat mir auch sehr deutlich zu spüren gegeben, dass ohne Drehung keine Fortbewegung möglich ist oder nur unter erschwerten Bedingungen.“[31]

Da hier Brustkorb und Becken als Massen bezeichnet werden, kann davon ausgegangen werden, dass sich zumindest dieser Begriff und vielleicht auch schon die Fügung „Massen und Zwischenräume vor 1990 etabliert hat. Gemäß der mündlichen Aussage von Suzanne Schmidt, der Mitautorin des Buches „Kinästhetik – Interaktion durch Berührung und Bewegung in der Pflege“ (4. Auflage 1996)[32], ist die Fügung seit den allerersten Anfängen Ende der 1970er-Jahre gängig.

Die Verwendung des Begriffs Masse in der Kinästhetik rührt offensichtlich von seiner Bedeutung im Kontext der Physik her. „Zwischenraum“ wird als kinästhetischer Fachbegriff in seiner gemeinsprachlichen Erstbedeutung verwendet.

6.2 Herkunft

Nach dem Duden Herkunftswörterbuch entspricht das Wort Masse dem spätalthochdeutschen massa „ungestalteter Stoff, [Metall]klumpen, Haufen“ und geht auf das griechische Wort maza „Teig aus Gerstenmehl; Fladen; [Metall]klumpen“ zurück.

Ableitungen sind „Massenmedien“, „massig“ oder „M/massiv“.

Nach dem Duden Herkunftswörterbuch ist das Wort zwischen eine Verkürzung des althochdeutschen in zuisken „in der Mitte von beiden, innerhalb von Zweifachem“. Das Wort Raum ist eine Substantivierung eines veralteten gemeingermanischen Adjektivs raum „weit, geräumig“ (vgl. z. B. englisch room). Es ist z. B. verwandt mit lateinisch rus „Land, Feld; Landgut“. „Zwischenraum“ ist eine Zusammensetzung dieser beiden Wörter.

7 Einzelnachweise

  1. European Kinaesthetics Association (Hg.) (2022): Kinaesthetics. Konzeptsystem. Linz, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association. ISBN 978-3-903180-00-0. S. 19.
  2. ebd., S. 21
  3. ebd., S. 27
  4. ebd., S. 21
  5. ebd.
  6. ebd., S. 22
  7. ebd., S. 27
  8. ebd., S. 28
  9. ebd., S. 32
  10. ebd., S. 34
  11. ebd., S. 38
  12. ebd., S. 43
  13. Hatch, Frank; Maietta, Lenny (2003): Kinästhetik. Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten. Übersetzung: Ute Villwock, Elisabeth Brock. 2., komplett überarbeitete Auflage. München, Jena: Urban und Fischer. ISBN 978-3-437-31467-4. S. 34–75.
  14. ebd., S. 44.
  15. ebd.
  16. ebd., S. 49.
  17. Verein für Kinästhetik (Hg.) (1990): Kinästhetik. 16. Bulletin. Januar 1990. Sonderausgabe. Dritte Auflage. Zürich: Verein für Kinästhetik. Nachdruck 2009. S. 12–34.
  18. ebd., S. 19 f.
  19. ebd., S. 19.
  20. ebd., S. 20.
  21. ebd.
  22. ebd.
  23. ebd.
  24. ebd.
  25. ebd., S. 19.
  26. ebd.
  27. ebd.
  28. Verein für Kinästhetik (Hg.) (1986): Kinästhetik. 10. Bulletin. April 1986. Orientierung. Zürich: Verein für Kinästhetik. Ohne ISBN. S. 16–19.
  29. ebd., S. 17.
  30. Verein für Kinästhetik (Hg.) (1988): Kinästhetik. 15. Bulletin. Oktober 1988. Zürich: Verein für Kinästhetik. Ohne ISBN. S. 20 f.
  31. ebd., S. 21.
  32. Hatch, Frank; Maietta, Lenny; Schmidt, Suzanne (1996): Kinästhetik. Interaktion durch Berührung und Bewegung in der Pflege. Übersetzung: Ina Citron. 4. Auflage. Eschborn: Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe. ISBN 3-927944-02-5.