Maschinen (triviale und nichttriviale)

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Status mit Fachliteratur angelegt
AutorIn/RedakteurIn N. N./Joachim Reif
Letzte Änderung 06.05.2020


Zusammenfassung:
Dieser Artikel ist mit Fachliteratur angelegt. Er besteht aus einschlägigen Zitaten zum Thema triviale und nichttriviale Maschinen. Die Zitate stammen aus dem Buch „Kybernetik und Kinästhetik“. Sie folgen der Beschreibung von Heinz von Foerster, der mit diesen von ihm eingeführten Begriffen auf den grundlegenden Unterschied zwischen Systemen (Maschinen), die in einer bestimmten Situation bzw. nach einem bestimmten Input nur eine Möglichkeit des Verhaltens haben, und Systemen, die in dieser Situation über zwei oder mehrere Möglichkeiten des Verhaltens verfügen, hinweist. Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen auf die Regulation menschlichen Verhaltens, die in jeder Situation immer mehrere Verhaltensmöglichkeiten zulässt.

1 Maschinen (triviale und nichttriviale) in „Kybernetik und Kinästhetik“

Die folgenden Zitate stammen aus dem Buch „Kybernetik und Kinästhetik“. Das erste Zitat ist in das dritte Kapitel „Der Kern: Feedback und Zirkularität“ eingebettet. Ihm voraus gehen die Unterkapitel „Zirkularität und Linearität“ und „komplexe Anpassungsleistungen“. Das Zitat ist eingebettet in den Text des sechsten Unterkapitels „Antiblockiersystem beim Menschen?“.

„Ein wesentlicher Unterschied zwischen Menschen und Maschine besteht allerdings darin, dass wir keine Knöpfe haben, mit denen man Soll-Werte von außen einstellen kann. Wir haben sicher so etwas Ähnliches wie ein ABS, das (meistens) verhindert, dass wir uns in kritischen Situationen völlig versteifen und verkrampfen. Gewiss haben wir ‚Soll-Werte‘ für unsere Körpertemperatur, für die Aktivität des Stehens, für unsere Körperspannung usw. Aber auch wenn der Gedanke manchmal verlockend sein könnte: Zum Glück gibt es keinen Knopf, mit dem man die Lautstärke spielender Kinder auf einen angenehmen Mittelwert oder sogar ihr Verhalten auf ‚ruhig auf dem Stuhl sitzen und Hausaufgaben machen‘ einstellen kann. Zum Glück liefern Menschen nicht wie triviale Maschinen immer den gleichen Output auf einen bestimmten Input (vgl. Kapitel 5.3.2.).
Vielleicht beruht ein beglückender und spannender Zug des Lebens gerade auf der Tatsache, dass wir uns an allererster Stelle selbst steuern und dass unser Verhalten grundsätzlich von anderen Personen oder der Umwelt wohl beeinflusst, aber nicht bestimmt werden kann.“

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2020): Kybernetik und Kinästhetik. Unter Mitarbeit von Stefan Marty-Teuber und Stefan Knobel. Linz, Winterthur, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association, verlag lebensqualität. ISBN: 978-3-903180-22-2 (Verlag European Kinaesthetics Association), ISBN: 978-3-906888-02-6 (verlag lebensqualität). S. 25.

Das zweite Zitat ist in das fünfte Kapitel „Heinz von Foerster: Kybernetik zweiter Ordnung“ eingebettet. Dieses Kapitel beschreibt das Leben sowie wichtige Arbeiten und Erkenntnisse von Heinz von Foerster. Das zweite Unterkapitel „HvF und sein Biological Computer Lab“ und das dritte Unterkapitel „Ausgewählte Themen seiner Arbeit“ widmen sich wichtigen Schritten seiner wissenschaftlichen Arbeit. Das Zitat ist der Text des zweiten Themas „Triviale und nichttriviale Maschinen“ des dritten Unterkapitels.

„Die Unterscheidung zwischen diesen Maschinentypen war im Kreis der KybernetikerInnen gängig. HvF war von ihr fasziniert und bemühte sich um mathematische Beschreibungen der mit ihr zusammenhängenden Fragestellungen. Triviale Maschinen haben nur einen Zustand: Sie liefern auf denselben Input immer den gleichen Output. Nichttriviale Maschinen haben mindestens zwei Zustände, d. h., sie liefern auf denselben Input einmal diesen, einmal einen anderen Output. Schon in den 1960er-Jahren konnte man problemlos beide Typen von Maschinen bauen bzw. programmieren. Bei nichttrivialen Maschinen lässt sich mathematisch zeigen, dass es ab einer bestimmten Anzahl Zustände grundsätzlich unmöglich wird, herauszufinden, nach welchen Regeln die Maschine aktuell den einen oder anderen Output liefert. Demnach ist ihr Verhalten auch nicht prognostizierbar. Sogar der Programmierer der Maschine kann diese Regeln nur dann herausfinden, wenn er verfolgt, welche Schritte sein Werk in der Vergangenheit vollzogen hat. (Foerster; Pörksen 2019, S. 54 ff [1].)
Wenn wir den Menschen als ein nichttriviales System betrachten und es mit einem trivialen Computer vergleichen, lässt sich festhalten, dass der Computer (meistens) tatsächlich in stets gleicher Art und Weise unseren Anweisungen folgt. Es spielt keine Rolle, dass er es gestern getan hat, heute tut und morgen wieder tun wird.
Das nichttriviale System ‚Mensch‘ hingegen wird z. B. auf dieselbe gut gemeinte Frage, wie der Tag gelaufen sei, einmal freundlich, einmal mürrisch, einmal gelangweilt antworten. Er verwirklicht die Regeln seines Verhaltens stets von Neuem unter dem Einfluss der Prozesse, die er in seiner jüngsten Vergangenheit und in seiner ganzen Lebensgeschichte vollzogen hat.
In diesem mathematischen Sinne erscheint somit ein konkretes menschliches Verhalten einerseits als vergangenheits- oder erfahrungsabhängig, andererseits als grundsätzlich weder analysier- noch voraussagbar (vgl. Infobox S. 52).
Auf der Grundlage dieser Überlegungen wies HvF darauf hin, dass in der Bildung schulische Institutionen leider oft zu Trivialisationsanstalten degradiert werden – und Lernende zu trivialen Maschinen –, indem man sich vor allem damit beschäftigt, auf einen bestimmten Input einen bestimmten Output zu erreichen (Foerster; Pörksen 2019, S. 65 f.[2].).“

Quelle: ebd., S. 51–52


Das ist der Text der zugehörigen Infobox „Über triviale und nichttriviale Maschinen“(S. 52):

„Es mag mechanistisch tönen, wenn Heinz von Foerster zur Frage, wie ein Lebewesen funktioniert, den Begriff Maschine verwendete. Allerdings hat das historische Gründe. Das Wort Maschine wurde zu seiner Zeit gängigerweise benutzt, um Systeme zu bezeichnen. Mit der Unterscheidung zwischen trivialen und nichttrivialen Maschinen versuchte HvF darzustellen, dass zwischen lebenden Systemen und mechanischen Apparaten ein grundsätzlicher Unterschied besteht. HvF stellt in der folgenden Tabelle einige zentrale Eigenschaften der beiden Maschinentypen einander gegenüber (Foerster; Bröcker 2019, S. 176–179[3]; vgl. Foerster 2000, S. 246 ff[4].):


Triviale Maschinen Nichttriviale Maschinen
synthetisch determiniert synthetisch determiniert
vergangenheitsunabhängig vergangenheitsabhängig
analytisch bestimmbar analytisch unbestimmbar
Verhalten voraussagbar Verhalten nicht voraussagbar


Mit ‚synthetisch determiniert‘ meint HvF, dass beide Systemtypen aus verschiedenen bekannten Bestandteilen zusammengesetzt sind. Im Zusammenwirken dieser Bestandteile ist der Zufall grundsätzlich ausgeschlossen. Übertragen auf den Menschen heißt das, dass man z. B. nicht urplötzlich im Ellbogen ein Kugelgelenk zur Verfügung hat. Der Zufall kommt erst durch die Zirkularität der Verhaltensregulation bzw. der Feedback-Kontrolle der ‚Maschine‘ ins Spiel.“

Quelle: ebd., S. 52.

2 Vergleiche auch

3 Einzelnachweise

  1. Foerster, Heinz von; Pörksen, Bernhard (2019): Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. 12. Auflage. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg (Systemische Horizonte). ISBN 978-3-89670-646-1.
  2. Foerster, Heinz von; Pörksen, Bernhard (2019): Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. 12. Auflage. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg (Systemische Horizonte). ISBN 978-3-89670-646-1.
  3. Foerster, Heinz von; Bröcker, Monika (2019): Teil der Welt. Fraktale einer Ethik – oder: Heinz von Foersters Tanz mit der Welt. Unter Mitarbeit von Georg Ivanovas. 4. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag (Philosophie, Systemtheorie, Gesellschaft). ISBN 978-3-89670-557-0.
  4. Foerster, Heinz von (2000): Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Herausgegeben von Siegfried J. Schmidt. Übersetzt von Wolfram Karl Köck. 5. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 876). ISBN 978-3-518-28476-6.