Heinz von Foerster

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AutorIn/RedakteurIn Lutz Zierbeck/Sabine Kaserer
Letzte Änderung 21.10.2022

Zusammenfassung:
„Heinz von Foerster (1911-2002) spielte für die Entwicklung der Kybernetik eine entscheidende Rolle. Sein Labor, das "Biological Computer Lab" entwickelte sich zu einem kybernetischen Kompetenzzentrum, zu dem viele herausragende WissenschaftlerInnen einen engen Kontakt hatten, wo sie sich trafen und forschten. Bis ins hohe Alter blieb von Foerster ein Vordenker der Kybernetik[1]"

HvF, wie er sich selber nannte, hat in seinem langen Leben in vielen Gebieten geforscht und gearbeitet. Sein Werk ist vielfältig und umfangreich, grosse Teile davon haben eine Bedeutung für Kinästhetik, vor allem seine kybernetischen Studien und seine Arbeiten zur Ethik und zum Lernen.
Nach einer kurzen tabellarischen Aufzählung wichtiger Eckdaten und Ereignisse folgt die Vertiefung einiger der aufgeführten Themen, z. T. mit Literaturzitaten untermauert. Die Bedeutung seines Werkes für Kinästhetik wird im 3. Kapitel erläutert.

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1 Tabellarischer Lebenslauf

Jahr Leben und Werk
1911 Geboren am 13. November in Wien.
ab 1930 Studium der Physik an der Technischen Hochschule Wien.
1938 Erste Arbeitsstelle als Physiker im Forschungslabor und kurzzeitig auch als Vertreter bei der Firma E. Leybold´s Nachfolger, Vakuumpumpenfabrik in Köln.[2]
1939 Lernt am Neujahrsabend die Schauspielerin Mai Stürmer kennen, sie heiraten wenige Monate später.[3]
1939 Umzug nach Berlin, Direktor des Forschungslabors der GEMA (Gesellschaft für elektroakustische und mechanische Apparate mbH, dem Pionierunternehmen auf dem Gebiet der Radar- und Funkmesstechnik).[4]
1944 Er reicht seine Dissertation zum Thema Plasmaoszillationen an der Universität Breslau ein, wird aber nicht promoviert, da er keinen Ariernachweis vorlegen kann.[5]
1945 Neuanfang in Wien als Kulturchef des amerikanischen Radiosenders „Rot-Weiss-Rot“.[6]
1948 Veröffentlichung des Buches „Das Gedächtnis – eine quantenphysikalische Untersuchung“.[7]
1949 Übersiedlung in die USA, Teilnahme an der 6. Macy-Konferenz, Direktor des Mikrowellenlabors der Universität Illinois.[8]
1956 / 57 2 Freisemester (Sabbatical) Studium biologischer Themen.[9]
1958 Gründung seines eigenen Labors „Biological Computer Lab, BCL“.[10]
1959 „Selforganization Systems Conference“.[11]
1960 „Principles of Selforganization Conference“.[12]
1962 „Information Processing in the Nervous System“ Konferenz in Leiden, NL. Macht dort Bekanntschaft mit dem Biologen Humberto Maturana.[13]
1968 Heuristics I und II.[14]
1969 Heuristics III, Zeit der Studentenrevolutionen. Verfasst einen Katalog mit StudentInnen zusammen.[15]
1970 Unterricht der „honours class ingeneering group“. Schreibt mit StudentInnen zusammen das „Ecological Source book“.[16]
1973 „Om-Conference“.[17]
1974 Kurs für Studenten und gemeinsames Buch darüber: „Cybernetcs of Cybernetics“.[18]
1975 Baut sein Haus (grösstenteils eigenhändig) auf dem Rattlesnake Hill in Pescadero, Kalifornien.[19]
1976 Schliessung des BCL, Emeritierung.[20]
1990 Familientherapie-Konferenz in Paris: „Ethik und Kybernetik 2. Ordnung“.[21]
1994 Weltkongress f. Soziale Psychiatrie in Hamburg: „Abschied von Babylon“.[22]
1996 Konferenz in Heidelberg: „Die Schule neu erfinden“ mit Ernst von Glasersfeld.[23]
2002 Tod am 2. Oktober in Pescadero, Kalifornien.

2 Vertiefung ausgewählter Themen

Das Werk von Heinz von Foerster ist umfangreich und vielfältig. Einige Themen, die für das Verständnis des Menschen HvF und für die Entwicklung seiner Ideen interessant sind, sowie verschiedene Forschungs- und Entwicklungsprojekte sollen im Folgenden etwas vertieft dargestellt werden.

2.1 Kindheit und Jugend - Herkunft und Einflüsse

Sein Vater, der Ingenieur Emil von Foerster, muss 3 Jahre nach der Geburt von Heinz in den ersten Weltkrieg ziehen und ist lange Jahre in Kriegsgefangenschaft.[24] Somit wird er hauptsächlich von seine Mutter Lilith von Foerster erzogen, die in künstlerisch-intellektuellen Kreisen verkehrt (z. B. mit dem Maler Oskar Kokoschka oder dem Philosophen Rudolf Kassner). Ihre Mutter war Marie Lang, eine der ersten Frauenrechtlerinnen Europas, deren Gedankengut einen deutlichen Einfluss auf ihn hat.

Ebenso hat in seiner Kindheit die Tante Grete Wiesenthal Einfluss auf seine Entwicklung, eine weltberühmte Tänzerin, deren Kostüme grösstenteils seine Mutter entwirft. Er berichtet schwärmerisch über viele Stunden in den Garderoben und hinter der Bühne, wo er die „unglaublich schönen Frauen[25] beobachtet.

Über seinen Onkel Erwin Lang kommt er in Berührung mit der chinesischen Philosophie des Tao, die ihn fasziniert.[26]

Zusammen mit seinem Cousin Martin Lang beginnt er sich im Alter von 14 Jahren mit der Zauberei zu befassen. Sie bringen es bis zur Aufnahme in die IAO (internationale Artistenorganisation) mit einem Zauber-Diplom[27] In dieser Zeit entwickelt er seine Kompetenzen, vor einem grossen Publikum wirkungsvoll aufzutreten, aber auch wichtige Grundätze des Konstruktivismus. Als Zauberer sind beide so erfolgreich, weil sie imstande sind, „ein Ambiente, einen Kontext zu erzeugen; eine Welt, in der die Zuschauer mitspielen, diese Welt zu erzeugen.[28]

„Wir haben es so gemacht, dass der Zuschauer sich eine Welt aufbaut, in dem das geschieht, was er gehofft hat, dass es geschehen würde. Das hat mich zu dem Satz gebracht: Der Hörer, nicht der Sprecher bestimmt die Bedeutung einer Aussage.“[29]
„Das Wesentliche des Zauberns liegt darin, den Zuschauer zu überreden, eine Welt für sich zu konstruieren, in der Wunderbares passiert. So ist sozusagen meine frühe Assoziation mit der Zauberei direkt mit Konstruktivismus verknüpft.“ [30]

2.2 Studienzeit - Grundlagen und Arbeitsweise

Er studiert Physik an der Technischen Hochschule Wien. In dieser Zeit knüpft er Kontakt zum „Wiener Kreis“, in dem Philosophen, Logiker, Mathematiker, Historiker und andere eine eigene philosophische Haltung begründen. Hier erlebt er eine Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachrichtungen, die sich gegenseitig in ihrem Denken befruchten. Dieser anregende und kreative Austausch beeindruckt ihn so, dass er ihn in seiner weiteren Laufbahn als Forscher stets sucht und verwirklicht (siehe Macy-Konferenzen und Biological Computer Lab).

2.3 Erste Forschungstätigkeit - Elektroakustik

Er wird Direktor des Forschungslabors der GEMA (Gesellschaft für elektroakustische und mechanische Apparate mbH, dem Pionierunternehmen auf dem Gebiet der Radar- und Funkmesstechnik). Hier forscht er bereits zum Thema Interaktion, mit dem er sich Zeit seines Lebens immer wieder in höchst unterschiedlichen Aspekten beschäftigt. Spätestens als 1939 der zweite Weltkrieg beginnt, wird alle Energie auf sogenannte kriegswichtige Themen ausgerichtet. Dazu sagt Heinz von Foerster:

„Die Firma GEMA war ja ein Rüstungsbetrieb; Kriegsindustrie. Die haben die Radare für die Deutschen gebaut. Und ich habe dort im Forschungslabor an Sachen geforscht, die einfach unerforschbar waren. Das habe ich zusammen mit den Leuten gemacht, die gesagt haben: ‚Wir müssen das boykottieren‘. Also haben wir das boykottiert, indem wir immer Forschungsprogramme gewählt haben, die eigentlich undurchführbar waren. Und da konnte ich eben weiterarbeiten, denn die Projekte haben sehr vielversprechend ausgeschaut. Wir haben sie auch so formuliert, dass sie vielversprechend ausgeschaut haben.[31]

Die Firma wird nach dem Beginn des Bombenkrieges von Berlin nach Schlesien (heute Polen) verlegt.

2.4 Kriegsende, Neuanfang in Wien

Kurz vor Kriegsende flieht seine Frau Mai von Foerster mit den drei Söhnen mit einem der letzten Züge aus Schlesien zu ihrer Mutter in die Nähe von Heidelberg. HvF bleibt zunächst, später schlägt er sich auf höchst abenteuerlichen Wegen durch bis zu seiner Familie. Von dort geht es mit seiner Frau und 2 von 3 Söhnen weiter in die Gegend von Kufstein / Österreich, der 3. Sohn Johannes bleibt vorübergehend bei seiner Grossmutter[32].

Um seine Mutter und die Geschwister wieder zu sehen, geht er nach Wien, was zu dieser Zeit eine sehr mühselige Reise in eine besetzte und gefährliche Stadt ist. Dort bekommt er beim neu gegründeten Amerikanischen Radiosender „Rot-Weiss-Rot“ als Mitglied Nummer 7 eine Anstellung als Techniker und Rundfunkjournalist und wird zum Kulturchef des Senders[33] Gleichzeitig hat er (verbotenerweise) eine 2 Arbeit, er baut die Telefonfirma Schrack-Ericcson wieder auf, die von den Besatzern geplündert wurde.

Nachdem seine Frau mit den beiden Söhnen in Wien angekommen sind, versuchten sie ihr drittes Kind aus Deutschland einreisen zu lassen. Da es auf legalem Wege nicht möglich ist, holen sie es schliesslich nach 4 Jahren Trennung illegal über die geschlossene Grenze[34]

„Zu fünft haben wir bei Tante Haserl, einer älteren Schwester meines Vaters, in einer winzigen Wohnung, in einem winzigen Kabinett gewohnt.“[35]

2.5 Buchveröffentlichung: „Das Gedächtnis – eine quantenphysikalische Untersuchung“

Neben seiner Arbeit verfasst er in Nachtschichten sein erstes Buch, darin vertritt er die später verworfene Theorie, dass Elementarbewusstseinsinhalte auf Molekülen gespeichert werden, deren Zerfall das Phänomen des Vergessens erklären könne[36]. Er verknüpft dabei Quantenphysik mit Physiologie.

„In meinem Vorwort habe ich geschrieben: ‚Die Zeit scheint gekommen, wo die Wege geistigen Forschens heterogenster Gebiete zu ihrem gemeinsamen Ursprung zusammenfinden.‘ Da bin ich sehr stolz, dass ich in einem kleinen Paragraphen, der meinem Gedächtnis vorangeht, sozusagen über die Vorteile der Interdisziplinarität geschrieben habe; schon im Jahre 1948."[37]

2.6 Übersiedlung in die USA - Vorträge und Anstellung im Mikrowellenlabor

Sein Buch „Das Gedächtnis“ erregt Aufmerksamkeit beim Neurophysiologen Warren McCulloch, Direktor der Neuropsychiatrie der Universität Illinois in Chicago, der ihn 1949 zur Vorstellung seiner Theorie über Gedächtnis und Vergessen an seine Universität einlädt.

Er bekommt daraufhin eine Einladung zur 6. Macy-Konferenz, auf der er über seine Thesen zum Gedächtnis spricht und eine grossen Anzahl Forscher aus verschiedensten Fachgebieten kennenlernt. Siehe Kapitel 2.7.

„McCulloch schickte ihn als Physiker an das physikalische Departement der Universität von Illinois in Champaign-Urbana, wo im ‚Department of Electrical Engineering‘ der Direktorposten des Mikrowellenlabors verwaist war. HvF bekam die Stelle und mit vielen Schwierigkeiten die Immigrationsbewilligung für sich sowie wenig später auch für seine Frau Mai und die drei Söhne.“ [38]

In diesem Labor mit Namen Electron Tube Research Lab (Elektroröhrenlaboratorium) befasst man sich mit der drahtlosen Telegraphie mittels Mikrowellen und anderen Themen. HvF spezialisiert sich auf die Modulation von Licht mittels Mikrowellen zur Nachrichtenübermittlung[39]. Zu den erfolgreichsten Projekten dieses Labors gehört auch eine Stoppuhr, mit der man ein Millionstel einer Millionstel Sekunde messen kann, zu dem Zeitpunkt die schnellste der Welt.

2.7 Die Macy-Konferenzen

Ein Meilenstein im Werdegang von HvF ist die Einladung zur 6. Macy-Konferenz vom 24. bis 25. März 1949 in New York. Thema der Konferenz ist "Circular Causal and Feedback Mechanisms in Biological and Social Systems". Dieses jährlich stattfindende Treffen hochkarätiger Wissenschaftler zeichnet sich durch eine sehr lebendige und inspirierende Diskussionskultur und einer Vernetzung über Wissensgebiete hinweg aus. Vertreten sind Fachgebiete wie Mathematik, Informatik (John von Neumann, ein Vater der Computertechnologie), Anthropologie (Margaret Mead und Gregory Bateson), Kybernetik (Norbert Wiener), Physiologie, Psychologie, Psychoanalyse, Psychiatrie, Elektrotechnik, Medizin, Zoologie, Soziologie, Ethnologie, Anatomie, Neurologie, Verhaltensforschung, Mathematik, Radiobiologie, Biophysik, Philosophie, Ökonomie u. a.. Er hält dort seinen Vortrag über Gedächtnis und Vergessen. Er wird zum Herausgeber der Publikation der Konferenzakten bestimmt (angeblich, um seine schlechten Englischkenntnisse zu verbessern)[40]. Diese Rolle behält er bis zur letzten Macy-Konferenz.

„In sehr kurzer Zeit war er von der äußersten Peripherie (dem Nachkriegs-Wien) ins Zentrum einer der bedeutendsten Wissenschafts-Bewegungen des 20. Jahrhunderts geraten.[41]

Von 1949 bis 1953 nimmt er jedes Jahr an den Macy-Konferenzen teil. Dazu schreibt er: „Mein Geist, mein Spirit, meine Erfahrungen, meine Fähigkeiten und meine Technologie waren da, um diese Röhren zu bauen, aber mein Herz und meine Seele waren bei den Kybernetikern, den Macy-Leuten.“[42]

2.8 Freisemester, Biologiestudium

1956 / 57 nutzt er zwei ihn zustehende Freisemester (sabaticals), um Teilgebiete der Biologie zu studieren. Das erste Semester verbringt er bei bei Warren McCulloch am berühmten Massachusetts Institute of Technologies (MIT) im Research Laboratory of Electronics. Thema dort ist zu dem Zeitpunkt künstliche Intelligenz. Das zweite Semester studiert er auf Empfehlung von Norbert Wiener bei Arturo Rosenblueth, einem Neurophysiologen, der sich zu der Zeit in Mexico City mit Kardiologie befasst. Foerster setzt sich dort mit kybernetischer Biologie auseinander, speziell mit der Arbeitsweise von Muskelfasern.

Während dieses Aufenthalts verfaßte er unter anderem ein - dann unveröffentlicht gebliebenes - Manuskript, dessen Inhalt die Kybernetik der Muskelaktivität betraf.“[43]

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2.9 Biological Computer Lab, BCL

1958 gründet er sein eigenes Labor, das Biological Computer Lab, BCL.

In einer interdisziplinären Atmosphäre des Vertrauens wurden so technische Projekte verwirklicht, konnten aber auch grundsätzliche Fragen und Erklärungsmodelle diskutiert werden. Schwerpunkte dieser Diskussionen waren das Modell der Zirkularität, die Selbstorganisations- und Chaostheorie, die Funktionsweise der Wahrnehmung und neuronaler Netzwerke und selbstverständlich ganz grundsätzliche erkenntnistheoretische Fragen. HvF und sein BCL entwickelten sich so zu einem Zentrum, das mit den Argumentationen der führenden KybernetikerInnen vertraut war und zugleich einen wesentlichen Beitrag zur Formulierung und Entwicklung der Kybernetik leistete.[44]

Als Professor und Direktor der BCL ist er nun mit Forschung und Lehre betraut. Typisch für ihn ist sein Verständnis von „Unterrichten nicht als einseitiges Dozieren von oben herab, sondern als ein gemeinsames Forschen, zu dem alle Beteiligten mit ihren Kompetenzen ihren Beitrag leisten. In den 68er-Jahren hatten seine Veranstaltungen großen Zulauf, weil er die StudentInnen und ihre Anliegen ernst nahm.[45]

Die Bedeutung dieses Labors und die Reichweite seiner Wirkung wird vom Wissenschaftshistoriker Albert Müller so eingeschätzt:

Und ebenso motiviert mich der Umstand, daß das BCL in der Literatur zur Geschichte der Kybernetik, der Systemtheorie, der nun wieder neu debattierten Bionik, des parallelen Rechnens, der Neurophysiologie, der Bio-Logik, der künstlichen Intelligenz, des symbolischen Rechnens oder des Konstruktivismus als Denktradition - man könnte noch weitere Wissensgebiete von gegenwärtig großem Renommee aufzählen - nur sehr selten erwähnt wird, obwohl Mitarbeiter dieser Einrichtung, des BCL, als maßgeblich für die jeweilige Domäne in der Literatur zu diesen Wissensgebieten erscheinen. Ist das eine spezielle Vergeßlichkeit der history of science (die Vergeßlichkeit der science selbst ist ja weithin bekannt)?[46]

Die Wechselwirkung dieser gegenseitigen Beeinflussung der Forscher beschreibt Albert Müller in einem Beispiel:

Humberto Maturana kam also an das BCL und erarbeitete dort unter anderem einen wichtigen Artikel auf dem Weg zu seiner - heute weltweit bekannten - Theorie der Autopoiese (Autopoiesis). Aber auch die erste Ausformulierung der nun auf den Begriff gebrachten Theorie der Autopoiesis erschien zuerst als interne Publikation des BCL. Schüler und Mitarbeiter Maturanas entwickelten ebenfalls Beziehungen zum BCL, und zentrale erste Publikationen - zum Beispiel jene von Francisco Varela wurden als BCL-Reports herausgegeben... Wahrscheinlich war es die Herausforderung durch den Impuls der chilenischen Gruppe, die es Heinz von Foerster ermöglichte, die Entwicklung seiner radikalen Version einer Kybernetik zweiter Ordnung (second order cybernetics) voranzutreiben. Dies soll nicht heißen, daß sich Foersters Konzepte aus denen Maturanas ableiten ließen, oder umgekehrt. Die Parallelen und die wechselseitige Stimulierung wurde auf einer Konferenz zu Cognitive Studies and Artificial Intelligence Research 1969 sichtbar. Foersters Beitrag kann als direkte Antwort auf jenen von Maturana gelesen werden - und vice versa[47].“
Mehrere wichtige Konferenzen kamen im unmittelbaren Umfeld des BCL zustande. Thematisch kreisten sie um Probleme der Systemtheorie und speziell um den Bereich selbstorganisierender Systeme. Noch heute sind die Konferenzbände wie Self-Organizing Systems oder Principles of Self-Organization grundlegend für diesen Forschungsbereich.[48]

Dazu gehört das Erforschen vom Parallelrechnen der Nervennetze von Lebewesen im Gegensatz zu den seriellen Rechenoperationen in Computern (wie sie John von Neumann zu der Zeit baut). Ein "biologischer Computer" namens Numarete wird entwickelt, der die Funktionsweise des Auges von Lebewesen als Vorbild hat (bei dem gleichzeitig eine grosse Menge an Informationen berechnet werden im Zusammenspiel von Muskel-, Sinnes- und neuronalen Zellen). Ein weiterer Schritt auf diesem Gebiet ist der Bau eines Computers zur Analyse akustischer Signale. Bionik wird als Alternative zur 1956 formulierten Artificial Intelligence verstanden, die sich aber letztendlich ihr gegenüber durchsetzt.

Das Biological Computer Lab wird 1976 geschlossen, weil die Finanzierung nicht mehr gewährleistet war. Mit seiner unkonventionellen Art des Denkens hat sich HvF im Universitätsbereich nicht nur Freunde gemacht. Er selbst sagt dazu:

„Ich glaube, das ist meine Schuld gewesen. Ich glaube, ich habe die die Politik der Wissenschaft zu wenig verstanden. (...) Ich habe nicht daran gedacht: ‚Wie verkauft man das? Was muss man machen, dass es an die Öffentlichkeit kommt, dass es in die Zeitungen kommt, dass es die Institute wissen, die die Gelder hergeben?‘ Also in Public Relations habe ich völlig versagt.“[49]"

Da sich das abgezeichnet hatte, lässt sich HvF zum 65. Geburtstag emeritieren.

3 Bedeutung für Kinästhetik

Zu diesem Thema hat eine Diskussion begonnen, bei der weiterhin Mitwirken erwünscht ist. Siehe Diskussionsseite Heinz von Foerster dieses Artikels.

4 Weiterführende Literatur und Medien

Maria Pruckner: 90 Jahre Heinz von Foerster | Relaunch 2021. https://www.youtube.com/watch?v=-OPdH8Pk6x4 (Zugriff: 07.02.2022).

Nikola Bock und Jutta Schubert: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners - Tanz mit der Welt. Heinz von Förster. https://www.youtube.com/watch?v=RNdTrdi5nG4 (Zugriff: 27.10.2021).

Lucas Pawlik: Einführung in die Kybern-ethik Heinz von Foersters Teil I. Heinz von Förster. https://www.youtube.com/watch?v=PeE9eAoT6x8 (Zugriff: 09.12.2021).

Lucas Pawlik: Einführung in die Kyber-ethik Heinz von Foersters Teil II. Heinz von Förster. https://www.youtube.com/watch?v=y9oRamZyq28 (Zugriff: 09.12.2021).

Universität Wien, Artikel aus der Zeitschrift für Geschichtswissenschaften: Im Goldenen Hecht. Über Konstruktivismus und Geschichte. Ein Gespräch zwischen Heinz von Foerster, Albert Müller und Karl H. Müller
https://www.univie.ac.at/heinz-von-foerster-archive/etexte/int.pdf (Zugriff: 11.08.2021).

5 Einzelnachweise

  1. European Kinaesthetics Association (Hg.) (2020): Kybernetik und Kinästhetik. Unter Mitarbeit von Stefan Marty-Teuber und Stefan Knobel. Linz, Winterthur, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association, verlag lebensqualität. ISBN: 978-3-903180-22-2 (Verlag European Kinaesthetics Association), ISBN: 978-3-906888-02-6. (verlag lebensqualität). S. 44.
  2. Foerster, Heinz von; Bröcker, Monika (2019): Teil der Welt. Fraktale einer Ethik – oder: Heinz von Foersters Tanz mit der Welt. Unter Mitarbeit von Georg Ivanovas. 4. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag (Philosophie, Systemtheorie, Gesellschaft). ISBN 978-3-89670-557-0. S. 116 ff.
  3. ebd., S. 119 ff
  4. ebd., S. 121 ff
  5. ebd., S. 127 ff.
  6. ebd., S. 146 ff.
  7. ebd., S. 151 f
  8. ebd., S. 153 ff.
  9. ebd., S. 206 ff.
  10. ebd., S. 211 ff.
  11. ebd., S. 222 ff
  12. ebd., S. 227 ff
  13. ebd., S. 232 ff.
  14. ebd., S. 241 ff.
  15. ebd., S. 244 ff.
  16. ebd., S. 250 f.
  17. ebd., S. 271 ff.
  18. ebd., S. 251 ff.
  19. ebd., S. 281 ff.
  20. ebd., S. 266 ff.
  21. ebd., S. 286 ff.
  22. ebd., S. 288 ff.
  23. ebd., S. 292 f.
  24. ebd., S. 72 ff.
  25. ebd., S. 79.
  26. ebd., S. 84 und 296 ff.
  27. ebd., S. 92 ff.
  28. ebd., S. 95.
  29. ebd., S. 98.
  30. ebd., S. 99.
  31. ebd., S. 132.
  32. ebd., S. 129 ff.
  33. ebd., S. 146 ff.
  34. ebd., S. 150 f.
  35. ebd., S. 151.
  36. ebd., S. 160.
  37. ebd., S. 152.
  38. European Kinaesthetics Association (Hg.) (2020): Kybernetik und Kinästhetik. Unter Mitarbeit von Stefan Marty-Teuber und Stefan Knobel. Linz, Winterthur, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association, verlag lebensqualität. ISBN: 978-3-903180-22-2 (Verlag European Kinaesthetics Association), ISBN: 978-3-906888-02-6. (verlag lebensqualität). S. 45.
  39. Foerster, Heinz von; Bröcker, Monika (2019): Teil der Welt. Fraktale einer Ethik – oder: Heinz von Foersters Tanz mit der Welt. Unter Mitarbeit von Georg Ivanovas. 4. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag (Philosophie, Systemtheorie, Gesellschaft). ISBN 978-3-89670-557-0. S. 201 ff.
  40. American Society for Cybernetics, Washington USA, 2021. https://asc-cybernetics.org/foundations/history/MacySummary.htm Zugriff 3.12.2021
  41. Müller, Albert (2000): Eine kurze Geschichte des BCL. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11 (1): 9-30. https://www.univie.ac.at/constructivism/papers/mueller/mueller00-bcl.html (Zugriff 16.1.2022)
  42. ebd., S. 206.
  43. Müller, Albert (2000): Eine kurze Geschichte des BCL. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11 (1): 9-30. https://www.univie.ac.at/constructivism/papers/mueller/mueller00-bcl.html (Zugriff 16.1.2022)
  44. European Kinaesthetics Association (Hg.) (2020): Kybernetik und Kinästhetik. Unter Mitarbeit von Stefan Marty-Teuber und Stefan Knobel. Linz, Winterthur, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association, verlag lebensqualität. ISBN: 978-3-903180-22-2 (Verlag European Kinaesthetics Association), ISBN: 978-3-906888-02-6. (verlag lebensqualität). S. 49.
  45. ebd., S. 48.
  46. Müller, Albert (2000): Eine kurze Geschichte des BCL. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11 (1): 9-30. https://www.univie.ac.at/constructivism/papers/mueller/mueller00-bcl.html (Zugriff 16.1.2022)
  47. ebd.
  48. ebd.
  49. Foerster, Heinz von; Bröcker, Monika (2019): Teil der Welt. Fraktale einer Ethik – oder: Heinz von Foersters Tanz mit der Welt. Unter Mitarbeit von Georg Ivanovas. 4. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag (Philosophie, Systemtheorie, Gesellschaft). ISBN 978-3-89670-557-0. 1. Auflage: 2002. S. 271.