Bewegungserfahrung

Version vom 5. Dezember 2020, 12:52 Uhr von Sabine Kaserer (Diskussion | Beiträge) (Bewegungserfahrung in „Kinästhetik Bulletin Nr.16“)
Status mit Fachliteratur angelegt
AutorIn/RedakteurIn N.N./Dagmar Panzer
Letzte Änderung 05.12.2020


Zusammenfassung:
Dieser Artikel ist mit Fachliteratur angelegt. Er besteht aus einschlägigen Zitaten zum Thema Bewegungserfahrung.

1 Bewegungserfahrung in „Kinaesthetics Lernen und Bewegungskompetenz“

Das folgende Zitat stammt aus dem Buch „Kinaesthetics – Lernen und Bewegungskompetenz“, das als Arbeitsunterlage in Kinaesthetics-Aufbaukursen verwendet wird und stellt eine grundlegende Beschreibung dar, des Verständnisses von Lernen im Kontext von Kinästhetik und Kybernetik. Das Zitat umfasst den Beginn des ersten Kapitels „1. Lernen in Kinaesthetics-Kursen“ und zeigt die Texte der Unterkapitel „1.1. Was und wie lernen Sie in Kinaesthetics-Kursen?, sowie 1.3. Die Bewegungserfahrungen“

1. Lernen in Kinaesthetics-Kursen
In diesem Kapitel wird das Lernen in den Basiskursen in einem kurzen Überblick dargestellt und Kinaesthetics als eine 1.-Person-Methode beschrieben, die von der konkreten, individuellen und subjektiven Erfahrung ausgeht. Die folgenden Unterthemen beschreiben die elementaren Kinaesthetics-Lernwerkzeuge der Bewegungserfahrungen sowie der schriftlichen und gemeinsamen Reflexion. Auf diesen Grundlagen wird zuletzt die Rolle der Kinaesthetics-TrainerIn thematisiert.
1.1. Was und wie lernen Sie in Kinaesthetics-Kursen?
In Kinaesthetics-Kursen werden Sie dazu angeleitet, die eigene Bewegung differenziert wahrzunehmen, zu steuern und anzupassen. Dies geschieht durch die Ausführung ganz einfacher und alltäglicher Aktivitäten: Sie drehen sich z. B. vom Liegen in der Rückenlage auf den Bauch oder Sie sitzen auf dem Boden und stehen auf, allein oder zusammen mit einer anderen Person. Diese Aktivitäten werden durch die gezielte Lenkung der Aufmerksamkeit zu bewussten Bewegungserfahrungen, welche die Quelle Ihres eigenen Forschungsprozesses bilden. Mit Ihrem kinästhetischen Sinnessystem versuchen Sie zu merken, welche Unterschiede für Sie unter einem bestimmten Blickwinkel des Kinaesthetics-Konzeptsystems erfahrbar sind und welche Rolle diese in Ihrer Bewegung spielen. Auf dieser Grundlage und durch die persönliche und gemeinsame Reflexion Ihrer Erfahrungen entwickeln Sie mit Kinaesthetics die Sensibilität Ihrer Bewegungswahrnehmung, Ihre Bewegungskompetenz und ein differenziertes Verständnis der menschlichen Bewegung.
Das Interesse für die fein abgestufte Wahrnehmung, Steuerung und Anpassung unserer ganz alltäglichen Bewegungsmuster macht eine Besonderheit von Kinaesthetics aus. Es geht darum, ein differenziertes Bewusstsein für etwas Selbstverständliches zu entwickeln, das im Alltag meist „automatisch“ und unbewusst abläuft.

[...]

1.3. Die Bewegungserfahrungen
1.3.1. Einführung
Die Bewegungserfahrungen bilden die Grundlage des Lernens in Kinaesthetics. Bei dieser spezifischen Lernmethode geht es darum, dass Sie während der Ausführung einer Aktivität Ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Unterschiede lenken, die für Sie mit Ihrer Bewegungswahrnehmung erfahrbar sind. Dabei ermöglicht Ihnen ein bestimmter Fokus (lateinisch, „Brennpunkt“) oder Blickwinkel der sechs Kinaesthetics-Konzepte die bewusste Lenkung der Achtsamkeit. So erforschen Sie allein oder in einer gemeinsamen Bewegung mit einer anderen Person, wie Sie z. B. den Unterschied zwischen parallelen und spiraligen Bewegungsmustern in sich selbst wahrnehmen.
Es ist wichtig, dass Sie sich nicht von Ihren Annahmen oder von Ihrem Denken leiten lassen, was für Sie wie oder warum erfahrbar sein wird. Versuchen Sie, auf ein vorausgehendes oder gleichzeitiges Denken und Reflektieren zu verzichten, um möglichst tief und differenziert in die Erfahrung Ihrer Bewegung zu gehen. Versuchen Sie ebenso, die Erfahrung eines Unterschiedes nicht gleichzeitig zu werten („So geht es besser, so schlechter“). Lenken Sie in Bewegungserfahrungen unvoreingenommen Ihre volle Achtsamkeit darauf, wie Sie die Unterschiede, die Sie durch Ihre eigene Bewegung hervorbringen, wahrnehmen.
Diese Methode der differenzierten Auseinandersetzung mit der eigenen Bewegung ist ein über viele Jahre entwickeltes und erprobtes Instrument zur Sensibilisierung der Bewegungswahrnehmung im Tun und zur Entwicklung der individuellen Bewegungskompetenz. Vielleicht konnten Sie schon in Ihrem Grundkurs feststellen, dass ein Kurstag mit vielen Bewegungserfahrungen eine direkte Wirkung auf Ihr körperliches Befinden und Ihr ganzes „Körperbewusstsein“ hat.
Kinaesthetics unterscheidet zwischen den beiden, im Folgenden beschriebenen Arten von Bewegungserfahrungen.
1.3.2. Die Einzelerfahrungen
In einer Einzelerfahrung werden Sie von der Kinaesthetics-TrainerIn angeleitet, mit einem bestimmten Fokus/Blickwinkel des Kinaesthetics-Konzeptsystems auf die Unterschiede zu achten, die Sie mit Ihrem kinästhetischen Sinn erfahren und wahrnehmen können. Sie führen dabei in oder ausgehend von irgendeiner Position eine alltägliche Aktivität aus. Die Unterschiede ergeben sich aus Ihrer individuellen Ausführung und Ihren Variationen der Aktivität. Das heißt, Sie sensibilisieren Ihre Bewegungswahrnehmung und erhöhen Ihre Bewegungskompetenz in Einzelerfahrungen dadurch, dass Sie unter den verschiedenen Blickwinkeln der sechs Kinaesthetics-Konzepte Unterschiede immer feiner und möglichst im ganzen Körper zu produzieren und wahrzunehmen lernen.
1.3.3. Die Partenererfahrungen
Die Partnererfahrungen sind ein wichtiges Element von Kinaesthetics, da sie Lernprozesse erlauben, die in der Einzelerfahrung nicht möglich sind.
In der Partnererfahrung achten Sie wie in der Einzelerfahrung mit einem bestimmten Fokus auf die eigene Bewegung und führen dabei Aktivitäten in einer gemeinsamen Bewegung mit einer PartnerIn aus. Solche Bewegungsinteraktionen mit anderen Menschen sind deswegen eine hervorragende Lernmöglichkeit, weil die InteraktionspartnerInnen fortlaufend in irgendeiner Form Anpassungen an das Verhalten des Gegenübers vollziehen müssen. Die Partnererfahrungen stellen somit Ihre Bewegungskompetenz vor Herausforderungen, die sich nicht stellen, wenn Sie sich allein bewegen.
Die gemeinsame Bewegung mit einem anderen Menschen und die daraus entstehenden Unterschiede zu den eigenen, gewohnten Bewegungsmustern helfen auch, diese überhaupt oder leichter zu erkennen. Zusätzlich können Sie dadurch Varianten erfahren, die Ihnen ungewohnt sind. Darum sind Partnererfahrungen ein ausgezeichnetes Mittel zur Erweiterung und zu einem vertieften Verständnis des persönlichen Handlungsspielraumes."

Der Text der zugehörigen Infobox „Erfahrung/Wahrnehmung und Wertung trennen“:

"In Kinaesthetics steht die präzise Wahrnehmung und Beschreibung der Bewegungserfahrungen im Vordergrund. Dabei wird das „Gewahrwerden“ der eigenen Bewegung und seine Beschreibung von der Wertung der Erfahrung (richtig – falsch, besser – schlechter) getrennt. Kinaesthetics geht nicht davon aus, dass es eine bestimmte „richtige“ Art und Weise gibt, wie jeder Mensch sich allein oder mit anderen Menschen zusammen bewegen sollte. Die Bewertung der Ausführung einer Aktivität ergibt sich nur aus einem konkreten Kontext und besonders aus den Absichten der Beteiligten. So ist z. B. ein paralleles Bewegungsmuster richtig bzw. passend für ein gezieltes Training bestimmter Muskeln, aber unpassend zum Aufsitzen nach einer Bauchoperation.“

Der Text der zugehörigen Infobox „Innen und außen“:

"Es ist eine große Herausforderung, sich während einer Partnererfahrung v. a. auf die Qualität der eigenen Bewegung zu konzentrieren. Wenn wir im Alltag mit einem anderen Menschen Körperkontakt haben, richten wir unsere Aufmerksamkeit meistens viel stärker auf diesen und nach außen als nach innen und auf die eigene Bewegung(swahrnehmung). Genau durch sie können wir aber sehr präzise Rückmeldungen über die Bewegungsmöglichkeiten eines anderen Menschen erhalten, wenn wir ihn in seiner Bewegung unterstützen wollen.
Kinaesthetics geht davon aus, dass die Qualität und das Lernpotenzial einer Bewegungsinteraktion wesentlich dadurch bestimmt wird, wie gut und differenziert die InteraktionspartnerInnen auf ihre eigene Bewegung achten und sie an die gemeinsame Absicht anpassen können.
1.4. Dokumentieren und schriftliche Evaluation
Nach Bewegungserfahrungen oder nach einer gemeinsamen Reflexion einer Bewegungserfahrung werden Sie von der TrainerIn regelmäßig aufgefordert, im Arbeitsheft schriftlich zu beschreiben, was Sie wahrgenommen, analysiert und erkannt haben, oder Ihre Lernprozesse auf den Evaluationsseiten auszuwerten. Somit dient das Arbeitsheft der persönlichen Dokumentation Ihres Lernens. Es geht nicht darum, zu notieren, wie die TrainerIn die Erfahrungen und Erkenntnisse eines Themas beschrieben hat, sondern darum, in Ihren Worten aufzuschreiben, was Sie individuell erfahren und erkennen konnten. Diese Phasen der persönlichen schriftlichen Reflexion sind wichtig, um die „flüchtigen“ Erfahrungen, Wahrnehmungen und mündlichen Beschreibungen „festzuhalten“ und um zu lernen, sie differenziert zu dokumentieren. Im Lernzyklus (vgl. Kapitel 2.2.) lassen sich dadurch die Bewegungserfahrungen am Anfang und am Ende, die sogenannten Vergleichsaktivitäten A1 und A2, genauer und besser vergleichen. Das Dokumentieren ermöglicht Ihnen, Ihre Lernfortschritte bewusst festzustellen, auszuwerten und einzuordnen. Ihre Notizen spiegeln also stets den aktuellen Stand Ihrer persönlichen Kinaesthetics-Theorie wider."

Im Unterkapitel 2.2.1. „Der Lernzyklus“ findet sich eine Beschreibung der Bedeutung von Bewegungserfahrung innerhalb und zwischen den einzelnen Aktivitäten des Kinaesthetics-Lernzyklus.

2.2.1. Der Lernzyklus
Eine Methode, die an Kurstagen verwendet wird, ist der Lernzyklus. Ein Lernzyklus betrifft ein bestimmtes Thema, z. B. das Konzept Funktionale Anatomie, das Thema Bewegungskompetenz oder die Feedback-Kontroll-Theorie. In einem Zyklus (griechisch, „Kreis“) werden Aspekte des Themas in Einstiegs-, Lern-, Integrations- und Ausstiegsaktivitäten unter definierten Blickwinkeln für Sie erfahrbar und dokumentierbar. Der Lernzyklus erlaubt ein gleichermaßen fokussiertes wie breites Lernen, das durch die differenzierte Beschreibung und Auswertung der eigenen Lernfortschritte mit dem Instrument der Bildungsfelder (vgl. Kapitel 2.3.1.) unterstützt wird.

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Der Lernzyklus
Der Aufbau, die Teile und Schwerpunkte des Lernzyklus

Einstiegsaktivitäten
Im Einstieg wird Ihnen das Thema vorgestellt und es erfolgt eine Einführung mithilfe der Sprache oder auch mit kurzen Bewegungserfahrungen. Dabei ist wichtig zu klären, in welchem Kontext und mit welcher Absicht das Thema untersucht wird, welche Bedeutung es in diesem Kontext haben kann und welche Anknüpfungspunkte es zu anderen Themen bietet.
Der Einstieg dient auch der Bestimmung Ihrer persönlichen Ausgangslage bezüglich des Themas. Dies kann durch die Ausführung und Dokumentation einer geeigneten Bewegungserfahrung geschehen oder durch irgendeine andere Erfahrung, die Ihnen z. B. Aufschluss über Ihre aktuellen Annahmen gibt. Diese „Vergleichsaktivität (A1)“ wird am Ende des Lernzyklus als „Vergleichsaktivität (A2)“ wieder aufgenommen, um einen Vergleich vorzunehmen. Das schriftliche Dokumentieren der Vergleichsaktivitäten erlaubt Ihnen dabei einen zuverlässigeren Vergleich Ihrer Erfahrungen oder Annahmen.
Lernaktivitäten
Die Lernaktivitäten dienen dazu, dass Sie die Aufmerksamkeit auf die Unterschiede und ihre Eigenschaften richten, die Ihnen bei der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten des Themas aus Ihrer Innenperspektive auffallen. Hierfür werden spezifische Blickwinkel oder Fragestellungen definiert.
Die Lernaktivitäten bilden einen Rahmen, in dem Sie sich allein oder zusammen mit anderen Menschen der Erforschung und Analyse des Themas widmen können, losgelöst von seiner Anwendung und Bedeutung in der Praxis. Die Herausforderungen einer konkreten Lebenssituation sind in diesem Teil des Lernzyklus also zweitrangig. Je differenzierter und umfassender Sie bei Ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Unterschiede entdecken und wahrnehmen können, desto leichter erkennen Sie auch zugrunde liegende Muster.
In einem Lernzyklus zu einem Kinaesthetics-Konzept werden v. a. die Einzel- und Partnererfahrungen (vgl. Kapitel 1.3.) als Lernaktivitäten verwendet. Für diese Bewegungserfahrungen wird jeweils ein Fokus des Konzeptsystems festgelegt und erklärt.
Das hauptsächliche Lernthema ist die Entwicklung einer differenzierten Bewegungswahrnehmung, -steuerung und -anpassung durch die Erforschung und Analyse Ihrer grundsätzlichen Bewegungsmöglichkeiten.
Während der Lernaktivitäten erhalten Sie regelmäßig Zeit für die persönliche Reflexion und Beschreibung Ihrer Erfahrungen sowie für den gemeinsamen Austausch.
Integrationsaktivitäten
Der Bezug zur Praxis bildet den Ausgangspunkt der Integrationsaktivitäten. Sie setzen sich im Rahmen des Themas mit einer konkreten Situation oder Aktivität Ihres beruflichen oder privaten Alltags auseinander. Sie bauen in dem Sinne auf Ihren Lernaktivitäten auf, dass Sie bei dieser Beschäftigung mit einer konkreten Lebenssituation besonders auf die Unterschiede achten, die Sie aufgrund Ihrer Lernaktivitäten differenzierter und mit erhöhter Sensibilität wahrnehmen können.
In den Integrationsaktivitäten untersuchen Sie in diesem Sinne einerseits den Ihnen vertrauten Weg der Ausführung der betreffenden Aktivität. Andererseits ist es wichtig, ihn zu variieren und neue Wege zu erforschen. Dies erleichtert es Ihnen, Ihre „normalen“ Muster zu erkennen und zu verstehen. Zugleich verschaffen Sie sich dadurch eine Vielzahl von Möglichkeiten in der betreffenden Situation und erweitern Ihren Handlungsspielraum.
Auch in diesem Teil erhalten Sie die Gelegenheit zur persönlichen oder gemeinsamen Reflexion und Dokumentation.
Ausstiegsaktivitäten
Im Ausstiegsteil führen Sie die Vergleichsaktivität des Einstiegs erneut aus und beschreiben, wie Sie diese jetzt wahrnehmen und was Ihr aktueller Standort in Bezug auf das Thema ist. Der Vergleich zwischen der Ausgangslage und dem aktuellen Standort erleichtert es Ihnen, Ihre Lernfortschritte zu erkennen und auszuwerten. Achten Sie bei der Auswertung Ihres Lernprozesses darauf, welche Erfahrungen, Erkenntnisse und Ideen aus dem ganzen Lernzyklus für Sie eine besondere Bedeutung haben, aber auch darauf, wo für Sie noch offene Fragen bestehen."

Im Unterkapitel 2.2.2. „Die Lernspirale“ findet sich die Beschreibung einer Methode, Erfahrungen und Bewegungserfahrung strukturiert zur Bearbeitung einer konkreten Problemstellung zu nutzen.

2.2.1. Die Lernspirale
Die „Lernspirale“ ist eine Methode, die Sie anzuwenden lernen, um konkrete Problemstellungen aus Ihrem beruflichen oder privaten Alltag mit Kinaesthetics zu bearbeiten. Sie geht von der Erfahrung der Situation im Tun aus und kann in der Form einer Spirale über die Schritte des Reflektierens, Variierens, Entscheidens und erneuten Tuns beliebig fortgesetzt werden.
Die Lernspirale durchbricht das gängige Muster, dass beim Auftreten eines Problems geradlinig nach seiner Lösung und Behebung gesucht wird. Ihr Motto heißt: Es geht nicht darum, das Problem zu lösen, sondern sich vom Problem zu lösen.
Die Analyse und Reflexion der Situation aus der Innenperspektive Ihrer Bewegungserfahrungen, die Beschäftigung mit vielen möglichen Varianten und die Auswertung Ihrer Erfahrungen lenken Ihre Aufmerksamkeit weg von der Suche nach Lösungen. Mit diesem Vorgehen achten Sie vielmehr auf das Lern- und Entwicklungspotenzial der Situation und loten es differenziert und in aller Breite aus. Der spiralförmige Aufbau der Methode führt dazu, dass Sie die „Lösungen“ des Problems stets wieder mit demselben Vorgehen der Entwicklung der Situation anpassen können. Dadurch wird eine nachhaltige Bearbeitung von Problemstellungen möglich.
Die Lernspirale ist besonders geeignet für das gemeinsame Lernen in kleinen Gruppen oder im Team."

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Die Lernspirale
Der Aufbau, die Schritte und Schwerpunkte der Lernspirale

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Der Text der zugehörigen Infobox „Der Umgang mit Problemen“:

"„Wenn du mit einem schwierigen Problem zu tun hast, mach daraus ein interessantes Muster. Dann kannst du dich auf das interessante Muster konzentrieren und die mörderische Arbeit dabei außer Acht lassen.“
Milton Erickson (1901–1980), amerikanischer Psychiater und Psychotherapeut"

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2019): Kinaesthetics. Lernen und Bewegungskompetenz. Linz, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association. ISBN 978-3-903180-01-7. S. 8ff, S. 20ff

2 Bewegungserfahrung in „Kybernetik und Kinästhetik“

Die folgenden Zitate stammen aus dem Buch „Kybernetik und Kinästhetik“. Das erste Zitat ist in das vierte Kapitel „K. U. Smith: Die Verhaltenskybernetik“ eingebettet. Die vorausgehenden Kapitel beschäftigen sich mit der Entwicklung der Kybernetik als Wissenschaft von den Regelungsvorgängen in künstlichen und natürlichen Systemen und beleuchten im Speziellen das Verhalten komplexer Systeme. Das Zitat ist Teil des Unterkapitels 4.3.4. „Wahrnehmung und Bewegung “.

Der Text der zugehörigen Infobox „Wir können nicht stehen!“:

"Um darzustellen, wie das menschliche Verhalten funktioniert, wird oft eine ComputerMetapher verwendet. Dementsprechend wäre z. B. die Fähigkeit „Stehen“ im Gehirn gespeichert, würde bei Bedarf von dieser „Festplatte“ abgerufen und von der Motorik ausgeführt. K. U. Smith konnte nachweisen, dass eine solche lineare Computer-Metapher die Verhaltensregulation unzutreffend beschreibt. Aus einer kybernetischen Perspektive ist es vielmehr so, dass durch das zirkuläre Zusammenspiel zwischen der motorischen Aktivität, der Sinneswahrnehmung und der Verarbeitung dieser Wahrnehmung durch das Nervensystem ein Regelkreis entsteht, der das Stehen steuert, oder treffender formuliert: durch fortlaufende Fehlerkorrektur das Umfallen verhindert. Smith prägte hierfür den Begriff „Feedback Control“ (Rückkoppelungskontrolle).
Eine kleine Bewegungserfahrung. Probieren Sie es selbst aus. Stehen Sie auf ein Bein und schließen Sie dabei die Augen. Anfänglich beschreiben Sie diese Erfahrung vielleicht als Unsicherheit. Achten Sie auf Ihre eigene Bewegung. Nun erfahren Sie, was grundsätzlich für die Verhaltensregulation gilt, solange Sie leben: Sie korrigieren ständig „Fehler“, die Sie durch ihre eigene Bewegung erzeugen und wahrnehmen. Wenn Sie das Experiment weiterführen, können Sie feststellen, dass Sie auch in allen anderen Positionen ständig damit beschäftigt sind, mit ihrer eigenen, aktiven Bewegung ihre Position in der Schwerkraft zu kontrollieren und zu korrigieren."

Das zweite Zitat ist in das sechste Kapitel „Kinästhetik ist praktische Kybernetik“ eingebettet und fungiert dort als Grundlage für die Formulierung grundsätzlicher und weiterführender Fragestellungen, sowie für das Unterthema 6.2. Selbstregulation und persönliches Lernen.

"Bewegungserfahrung
Nehmen Sie sich zu Beginn der Lektüre dieser Zeilen ein paar Minuten Zeit, um die folgende Anleitung zu einer für die Kinästhetik typischen Bewegungserfahrung auszuführen (genauer: Einzelerfahrung; European Kinaesthetics Association 2017b, S. 10f.). Dies wird Ihnen zum nötigen Anknüpfungspunkt für die Fortsetzung Ihrer Lektüre verhelfen und Ihnen das Verständnis der sich anschließenden Themen erleichtern.
Setzen Sie sich auf die Vorderkante eines Stuhles. Schließen Sie die Augen und beobachten Sie, wie Sie Ihr Sitzen wahrnehmen. Was ist für Sie mit Ihrem kinästhetischen Sinnessystem (vgl. Infobox S. 56) erfahrbar? Achten Sie besonders auf Ihre Spannung und auf die kleinen Anpassungsbewegungen, die es Ihnen ermöglichen, in dieser Position zu bleiben. Heben Sie anschließend Ihre Beine so an, dass die Füße den Boden nicht mehr berühren. Beschreiben Sie wieder für sich, wie Sie jetzt Ihr Sitzen, Ihre Spannung und die damit verbundenen Anpassungsbewegungen wahrnehmen. Erforschen Sie dann die Unterschiede, die Ihnen mit Ihrer Bewegungswahrnehmung erfahrbar sind, je nachdem, wie Sie die Position Ihrer Füße, Arme usw. im Sitzen verändern."

Quelle: European Kinaesthetics Association (Hg.) (2018): Kybernetik und Kinästhetik. Unter Mitarbeit von Stefan Marty-Teuber und Stefan Knobel. Linz, Siebnen: Verlag European Kinaesthetics Association, verlag lebensqualität. ISBN: 978-3-903180-22-2 (Verlag European Kinaesthetics Association) ISBN: 978-3-906888-02-6 (verlag lebensqualität).S. 35 und S. 56.

3 Bewegungserfahrung in „Kinästhetik Bulletin Nr.16“

Das folgende Zitat stammt aus dem Heft „Kinästhetik Bulletin Nr.16“, Originalausgabe 1990, des Vereins für Kinästhetik, "das Hauptorgan für die schriftliche Auseinandersetzung über Erfahrungen mit Kinästhetik und den damit verbundenen Ideen". Im zweiten Kapitel "2. Kinästhetisches Lehrmodell" findet sich eine Beschreibung der "Grundüberzeugung von Bewegung- und Wahrnehmungserfahrung" als "Grundlage allen Lernens".

Das Lehrmodell
Das Grundsätzliche war nicht immer Ausgangspunkt für die Entwicklung unserer Methode. Diese ergab sich viel eher aus einem Zickzack-Prozess, bei dem wir das eine Mal Ideen übernahmen und im eigenen Körper erlebten, und ein anderes Mal von Bewegungserfahrungen ausgingen, die wir dann zu erklären versuchten. Im Verlauf der Jahre fassten wir diese Grundsätze des menschlichen Lebens und die Art zu lernen in ein Lehrmodell, bei dem Lehrer und Schüler gemeinsam lernen. Es ist unsere Grundüberzeugung, dass Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrung die Grundlage allen Lernens ist. Daraus haben sich viele weitere Grundsätze ergeben, woraus wir Übungen entwickelten, die den Leuten helfen, Beziehungen und Muster in der eigenen Bewegung zu erkennen. Durch strukturierte Bewegungserfahrungen entwickelt ein Teilnehmer im Kinästhetik-Unterricht differenziertere sensomotorische Fähigkeiten, die Grundlage aller menschlichen Fähigkeiten überhaupt. Er lernt dabei, seine Erfahrungen einzuordnen, indem er ihre Muster und Beziehungen analysiert. Es ist wichtig für den Lernprozess, zwischen Erfahrung und deren Formulierung hin- und herzugehen. Sie sind zugleich Metaphern, die uns helfen, komplexere kognitive Ebenen von Lernen und Kommunikation zu verstehen.
Wer einen Kinästhetik-Kurs oder eine Einzelsitzung besucht, wird unter vielen Gesichtspunkten - sei es in der Bewegung allein oder mit anderen - Beziehungen erforschen. Im eigenen Körper erfahrene Themen begegnen ihm auch in anderen Situationen: bei der Arbeit, in der Schule oder in sozialen Begegnungen usw. Die zentrale Rolle eines Kinästhetik-Kurses ist die persönliche Erfahrung der Bewegung und deren Bewusstwerdung.
Frank Hatch, Lenny Maietta, 17. Juni 1989 (Übers. Brigitte Huber)."

Im fünften Kapitel "5. Anwendungen", "5.2. Kinästehtik in der Sonderpädagogik", finden sich unter "2. Was hat Kinästehtik der Sonderschule zu bieten?" Beschreibungen des Verständnisses und der Bedeutung von Bewegungserfahrung für die "Lernfähigkeit". Das Zitat umfasst das erste Unterkapitel "2.1. Bewegung und Berührung als zentrales Arbeitsmedium" und zeigt die Texte der Unterkapitel "2.2. Orientierung an den Fähigkeiten des Kindes", sowie "3. Führen und Folgen als Metapher für schulisches Lernen".

2.1. Bewegung und Berührung als zentrales Arbeitsmedium
Die theoretische Grundannahme der Kinästhetik geht davon aus, dass die Lernfähigkeit des Menschen in seiner Bewegungs- und Wahrnehmungsfähigkeit begründet liegt.
Deshalb ist die Basis der Kinästhetik die eigene Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrung.
Alle Sinne des Menschen sind Systeme, die Bewegungsmustern folgen und damit auf seiner Bewegungsfähigkeit basieren. Ohne Bewegung gibt es keine Wahrnehmung (Poincaré 1904). Weder Hören, Sehen, Riechen, Schmecken noch Tasten sind möglich ohne zumindest minimale Bewegungen. Somit fällt beim menschlichen Wahrnehmungsprozess dem kinästhetischen Sinn eine zentrale Rolle zu.
Ebenso zentral und elementar ist das Phänomen der Berührung für die menschliche Entwicklung. Für Piaget hat die frühkindliche senso-motorische Wahrnehmung des Kindes nicht nur eine Schlüsselfunktion für seine intellektuelle, sondern für die gesamte Entwicklung (vgl. Piaget, 1984).
Das taktile System hat einen besonderen Stellenwert innerhalb des Sinnessystems. Berührung ist die Sinneserfahrung, die die unmittelbarste Form von Interaktion und den direktesten Kontakt zu einem anderen Menschen erlaubt. Berührung stellt ferner die direkteste Verbindung zur Bewegung des anderen Menschen her. Die Rückmeldung über Berührung ist schneller und präziser als das Feedback aller anderen Sinnessysteme (vgl. Smith, K.U. 1972).
Die Kinästhetik benützt Bewegung und Berührung als entscheidende Medien, um Lernen zu unterstützen und zu fördern
So erhalten sie für die Förderung behinderter Schüler einen Stellenwert, wie er bislang in der Schule kaum gesehen wird.:
"Ein Kind hat grosse Schwierigkeiten, lesen zu lernen, wenn ihm nicht alle seine sensorischen Systeme behilflich sind, um die Schriftzeichen auf der Lesebuchseite zu verarbeiten. Je mehr seine sensorischen Systeme zusammenarbeiten, desto mehr kann es quantitativ lernen, und desto leichter fällt es ihm.
Das Lernen beginnt mit der Schwerkraft und dem Körper. In aufrechter Stellung zu sitzen oder aber eine Rassel zu schütteln oder Treppen abwärts zu gehen oder einen Bleistift zu halten, fördern die Aufnahmefähigkeit des Gehirns, um komplexere Dinge lernen zu können.:
Mit der auf dem sensomotorischen Niveau entwickelten Aufnahmefähigkeit des Gehirns ist das Kind dann besser vorbereitet zu lernen, wie man zwei Zahlen addiert oder wie man einen Satz schreibt, aber auch wie man Beziehungen zu Freunden aufnimmt."
(Ayres, A.J. 1984, S.66)
2.2. Orientierung an den Fähigkeiten des Kindes
Kinästhetik bietet in dieser vierjährigen berufsbegleitenden Zusatzausbildung ein Handlungskonzept, das sich nicht primär an den Defiziten der Schüler orientiert, an der Frage, was er nicht kann, wie es zum Beispiel im Sonderschulaufnahmeverfahren üblich ist, sondern sie orientiert sich an den Fähigkeiten des Kindes, an dem, was es kann. Um beim Beispiel des Schülers zu bleiben, dessen Lese-Schreib-Lehrgang bisher ohne grossen Lernerfolg blieb: Die Arbeit des kinästhetisch denkenden Lehrers beginnt mit der Stützung und mit dem Ausbau der Bewegungsfähigkeiten, die für den Lese-Schreib-Prozess von Bedeutung sind und die der Schüler kann, wie etwa:
Spielerisches Ausführen von vertikalen und horizontalen Augenbewegungen, Differenzierung von Augenbewegung und Kopfbewegung, Unterstützung der Augen- bzw. Kopfbewegung durch andere Körperteile wie Hand, Arm, Finger, Füsse usw.:
Die Aufmerksamkeit des kinästhetisch orientierten Lehrers liegt auf den senso-motorischen Komponenten dieses komplexen Lernvorgangs.
Von der Plattform seiner Fähigkeiten ausgehend, macht der Schüler neue Bewegungserfahrungen und erweitert damit seine Fähigkeiten, die bald dazu führen, dass er die Defizite, die zu seinem Versagen im Lese-Schreib- Lehrgang geführt haben, abgebaut hat, ohne durch frustrierendes Schreiben und Lesen-Oben noch mehr entmutigt worden zu sein.
Die Orientierung der Kinästhetik an den Fähigkeiten der Schüler ist nicht neu. Neu jedoch ist das methodische Konzept, der Theoriehintergrund, der die Brücke schlägt zwischen der Theorie und dem praktischen sonderpädagogischen Handeln über die motorische und taktile Lernbahn.


[...]

3. Führen und Folgen als Metapher für schulisches Lernen
Aus kinästhetischer Sicht lässt sich Lernen als Interaktionsprozess von Führen und Folgen beschreiben, der in seiner optimalen Form die Rollenverteilung von Führen (Lehren) und Folgen (Lernen) nicht festschreibt und den idealen Lernprozess im Bild des Tanzes beschreibt, bei dem die Führung zwischen den Tanzenden hin und her wechselt bzw. beide Tanzpartner führen oder beide folgen.:
Ich möchte im folgenden den Versuch machen, am praktischen Beispiel kinästhetische Arbeit zu dokumentieren, wohl wissend, dass Sprache, und noch mehr Schriftsprache, das nicht geeignete Medium ist, Bewegungserfahrung zu vermitteln. Beschreibung und Bilddokumentation werden ein unangemessener Übermittlungsversuch bleiben, weil Bewegungserfahrung nicht über Sprache, sondern nur über Bewegungserfahrung vermittelbar ist.
In der Kinästhetik wird der eigene Körper als die entscheidende Lern- Metapher benutzt. Du bist dein Körper. Du lernst so, wie dein Körper ist. Die Beherrschung unterschiedlicher körperlicher Funktionen führt zu unterschiedlichen Arten des Lernens und zu differenzierter Qualität von Wahrnehmung.
Eine wesentliche funktionale Grunderfahrung menschlicher Bewegung ist, dass bei Bewegungen ein Körperteil die Führung übernimmt und im laufenden Bewegungsprozess der "Restkörper" durch Skelett-, Muskel- und Sehnenapparat verbunden, folgt. Wenn ich gehe, so verlagere ich mein Gewicht auf das Standbein, lasse das andere Bein die Führung übernehmen und organisierte meinen gesamten "Restkörper" so, dass über Gewichtsverlagerung, Gleichgewichthalten und Folgen der anderen Körperteile der Schritt nach vorne gelingt. Diese Bewegungserfahrung des Führens und Folgens ist in beliebigen Bewegungsabläufen nachvollziehbar und wird besonders dann deutlich, wenn Menschen miteinander in eine Bewegungsinteraktion eintreten.
Da in der Schule Lernen in einer Gruppe stattfindet, halte ich es für wichtig, am Beispiel des Führens und Folgens den interaktionalen Bewegungsaspekt - als Metapher schulischen Lernens - zu dokumentieren.
Indem Schüler lernen, einen anderen Schüler möglichst mit geschlossenen Augen durch einen Raum zu führen, machen sie auf der Bewegungsebene so grundsätzliche Erfahrungen, die in ihren Einzelheiten nur punktuell zu beschreiben sind.
Sie bringen Vertrauen in den Interaktionsprozess mit ein, sie lassen Körperkontakt zu, sie machen neue Erfahrungen im taktilen und motorischen Bereich sowie in ihrer Bewegungswahrnehmung, sie differenzieren ihre Bewegung, sie passen sich an, sie orientieren sich, sie entdecken neue Bewegungen, sie agieren und reagieren, sie kommunizieren in wechselseitigem Führen und Folgen. Nahtstelle der Kommunikation ist die Art und Weise des Berührungskontaktes, die Qualität und Intensität der feinmotorischen Kontaktebene, die immer neu verändert und variiert wird.
Ein solches Lernen differenziert nicht nur die Bewegungs- und Wahrnehmungsfähigkeit der Schüler, sondern macht ihnen auch sehr viel Spass; es schafft Nähe und Vertrauen und fördert ein Lernklima, in dem sich der einzelne Schüler verstanden fühlt.:
Lernen die Schüler ihre Körper differenzierter und beweglicher zu benutzen und wahrzunehmen, werden sie nicht nur auf der körperlichen Ebene gelenkiger, sondern sie werden ganzheitlich beweglicher, d.h. sie erweitern und differenzieren über diese Körperarbeit auch ihre kognitiven, emotionalen und sprachlichen Fähigkeiten, ohne diese Lernbahnen für diese Lernprozesse überhaupt benutzt zu haben.

[...]

Hugo Krakau"

Quelle: Verein für Kinästhetik (Hg.) (1990):Kinästhetik. 16. Bulletin. Januar 1990. Sonderausgabe. Dritte Auflage. Zürich: Verein für Kinästhetik. Nachdruck 2009..S. 10, S. 39ff

4 Kommentare, Auswertung und offene Fragen

Im Buch „Kinaesthetics – Lernen und Bewegungskompetenz“ findet der Begriff Bewegungserfahrung weitere Erwähnung als grundlegendes Werkzeug im Zusammenhang mit den Themen Lernmodell, Feedback-Control-Theorie, Lernen und Lernen, Erfahrung und Denken.

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